Hohenwarthe l Erst ab 30 Metern beginnt er aufzutreten. Jeder Sporttaucher hat ihn erlebt – den Tiefenrausch. In der Doppelsparschleuse Hohenwarthe erlebten 520 Gäste aus Österreich, der Schweiz, Lichtenstein und aus Sachsen-Anhalt einen „Tiefenrausch“ der Meisterstufe.

In 18 Meter Tiefe ließen sie sich auf dem Oberdeck der „Excellence Coral“ beeindrucken von einer Akustik, wie man sie sonst nur in den renommierten Konzertsälen der Welt findet, so der Carnegie Hall in New York oder der Hamburger Elbphilharmonie.

Heimathafen Basel

40 Bühnenkonzerte stehen bisher im Logbuch des 82 Meter langen Vier-Sterne-Flussschiffes, mit Heimathafen Basel in der Schweiz. Ihre kleinen, aber noblen Kabinen bieten 87 Passagieren Platz.

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Am Sonntag nahm das etwa 60 Meter lange und acht Meter breite Oberdeck fast 600 Personen auf, Passagiere, Gäste und Künstler. „Das Schiff hat ungefähr 28 Tonnen Übergewicht. Deshalb darf es in der Kammer auch nicht mehr mit Motorbetrieb rangieren“, so Burkhard Scheer, Betriebsleiter der Doppelsparschleuse.

In sekündlicher Abstimmung mit dem Kapitän der „Excellence Coral“, Gabor Forgacs, schleust er das Schiff in der unteren Kammer der Anlage. Streng genehmigungstechnisch ist die „Excellence Coral“ für die Zeit des Konzertes kein Passagierschiff mehr, sondern eine schwimmende Plattform. Für den Notfall liegen orangefarbene Schwimmwesten für alle Konzertbesucher bereit.

18 Meter in die Tiefe

Knapp 15 Minuten dauert die Talfahrt, 18 Meter in der Tiefe schwimmt das Schiff schließlich am Boden der Kammer. Mit Seilwinden ziehen Techniker das Schiff in die Konzertposition direkt vor dem Schleusentor an der Bugspitze. So kann sich der Klang in der Schleusenkammer, vollendet entfalten.

Vorher errichteten Künstler wie auch Bühnentechniker eine Plattform und stellten Stühle zu Reihen. Immer mit dabei und immer mit zupackend, der Erfinder der Schleusenkonzerte, Burkhard von Puttkamer. Das Markenzeichen des weltweit geachteten Baritons sind Konzerte an ungewöhnlichen Orten. Er trat schon in Grönland und der Antarktis auf. Seine Idee mit den Schleusenkonzerten gilt als weltweit einmalig.

Und das ist die Schleusenkammer mit ihren 190 Meter Länge. „Ein Raumvolumen, das dreimal der Größe der Semper-oper entspricht“, schwärmt von Puttkamer, „Wo sonst gibt es das? Nur hier am Wasser- straßenkreuz in Hohenwarthe.“ Doch das ist nicht der einzige Augen- und Ohrenschmaus: Zu Beginn wird das Instrument des Abends, ein Flügel an einem Kran hinabgelassen.

Längster Konzertsaal der Welt

Mit fantastischen Bläserklängen stimmt das Berlin Brass Quintett auf den Abend ein. Das international angesehene Blechbläserensemble vereint Musiker verschiedener Nationalitäten, ein französischer Hornbläser, ein serbischer Posaunist und ein polnischer Tubaspieler spielen zusammen mit zwei deutschen Trompetern. Sie bringen im Laufe der Veranstaltung den „längsten Konzertsaal der Welt“ nicht nur zum Klingen, sondern auch zum Swingen.

Cheftrompeter Timofej Stordeur weiß im Zwiegespräch mit Bariton und auch in seiner Rolle als Moderator brillierenden Burkhard von Puttkamer so manches über Trompete, Flügelhorn und Co.

Überragend am Flügel: Alina Pronina. Die Pianistin mit ukrainischen Wurzeln prägte den Abend mit einem zauberhaften Klavierspiel. Arien und Duette - vorgetragen von der wunderbaren Sopranistin Barbara Berg im gesanglichen und mimischen Zusammenspiel mit Bariton Burkhard von Puttkamer und begleitet von Alina Pronina am Flügel begeisterten das Publikum. Jeder Ton, jede Nuance, jeder Akkord schob sich klar und unverfälscht durch die Kammer.

„Damit kein Stromaggregat oder der Schiffsdiesel stört, haben wir für die Licht und Tontechnik Landstrom genommen“, so Betriebsleiter Scheer. Liedgesänge, Klaviermusik, Bläserhall im Dialog mit den Stimmen der aufziehenden Nacht, dazu ein Konzertsaal, umgeben von Wasser – eine wundervolle Vereinigung von Musik, Technik und Natur.