Kalitz l Die schmucke, vielleicht 120 Zentimeter hohe Holzfigur aus der Barockzeit schwebte früher einmal an Seilen oder Stangen über dem Altarraum der kleinen Kalitzer Dorfkirche und wurde nur heruntergelassen, wenn im Ort eine Taufe anstand, berichtet der evangelische Pfarrer Georg Struz bei dem Engelfest am Sonnabend.

Küster von Taufengel erschlagen

Irgendwann wurde der Engel dann auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und zur besseren Standfestigkeit mit „Sandalen“ ausgestattet. Fortan war er ein stehender Taufengel. Vielleicht spielte dabei auch der Umstand eine Rolle, dass vor etwa 200 Jahren in Ladeburg ein ähnlicher schwebender Taufengel in der Kirche den Küster erschlagen hatte.

Beide Engel – der in Kalitz wie auch der in Ladeburg – verbrachten lange Jahre im Dunklen, an irgendeine Kirchenwand gelehnt, und nur die Holzwürmer beachteten sie überhaupt noch. Während der Engel in Ladeburg wegen seiner düsteren Vorgeschichte wohl immer noch keinen Anlass zum Feiern geben dürfte, entschied man sich in Kalitz irgendwann, den inzwischen arm- und flügellosen, hölzernen Himmelsboten zu restaurieren.

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Das war im Jahr 2009. Seit der Restaurierung hat der Taufengel wieder Arme, mit denen er eine als Muschel geformte Taufschale hält. Flügel hat er immer noch keine. „Nicht jeder Engel hat auch Flügel“, ist sich Pfarrer Georg Struz sicher. Nun, der Engel muss ja auch nicht mehr schweben: Er steht nun links neben der Apsis, zur Sicherheit an die Wand festgeschraubt. Die Rückkehr des Engels an einen gut sichtbaren Platz im Kirchenschiff wurde 2009 freilich gefeiert. Und seitdem gibt es die Kalitzer Engelfeste. Es sind, abgesehen von Trauerfeiern die einzigen Gottesdienste, die in dem kleinen Gotteshaus gefeiert werden.

Engel, die Söhne Gottes

In seiner sehr interessanten Predigt verriet der Loburger Geistliche Georg Struz viel über Engel und was man über sie denkt und weiß: Engel gelten als Boten, heißt es etwa im Hebräerbrief in der Bibel. Im Alten Testament werden sie auch als Söhne Gottes bezeichnet. Eigenen Angaben zufolge glauben 70 Prozent aller Amerikaner, dass sie einen Schutzengel haben, weiß Pfarrer Struz zu berichten.

Einen Schutzengel könnte auch die Kalitzer Kirche gebrauchen. Der sollte dann am besten gleich Geld für die nötige Sanierung mitbringen: „Wir sind noch dabei, geeignete Fördergelder zu finden“, sagt Georg Struz und zählt auf, was noch alles zu tun ist: Die Fassade und der Dachstuhl müssten erneuert werden, wenngleich das Dach schon mal nach der Wende neu gedeckt worden war. Im Innenraum warten der Altar und die Gemälde auf eine Schönheitskur. Allein für die Orgel, die derzeit zerlegt und konserviert auf bessere Zeiten wartet, wären 70.000 Euro erforderlich.

Wie fast überall halten die Bürger an ihre Kirche fest, wollen sie nicht aufgeben. „Es sind wichtige Orte der Begegnung und des geistigen und kulturellen Austausches“, sagt Pfarrer Struz.

Neuntes Straßenfest

Nur wenige Meter weiter die Kalitzer Straße entlang wird am gleichen Tag zum inzwischen neunten Male das Kalitzer Straßenfest gefeiert. Erst seit einigen Jahren werden beide Feiern hintereinander am gleichen Tag begangen. Nach Canapees und einem Glas Sekt vor der Kirche geht es zur Festwiese, wo bei Deftigem vom Grill und Kaffee und Kuchen Einwohner und ihre Gäste zusammensitzen. Für Unterhaltung sorgen dann Spiele wie Gummistiefelweitwurf oder Dosenwerfen. Auch sehr beliebt ist das Bierglasstemmen.

Im kommenden Jahr feiern die Kalitzer ihre Feste zum zehnten Mal. Da will man sich dann noch etwas besonderes ausdenken, sagt Mitorganisator Gerd Nagorsnik. Na, wie wäre es denn mit Taufschalenstemmen?