Gommern/Magdeburg l Sie trägt ihren Jared für immer im Herzen, und auch auf ihrer Haut. Julia Schlicht ist Mutter von vier Kindern, von denen nur noch drei bei ihr sind. Ihr Sohn Jared starb vor fast einem Jahr. Die Diagnose Blutkrebs traf die junge Familie im Jahr 2016 wie ein Schlag – stellte ihr Leben auf den Kopf. Neben den Krankenhausbesuchen und der Therapie, war Julia Schlicht zu dem Zeitpunkt der Erkrankung mit Zwillingen schwanger. Während der Behandlung von Jared im Magdeburger Uniklinikum blieb Julia Schlicht im Elternhaus der Klinik, um während der Behandlungsphasen immer in der Nähe von Jared zu sein.

Typisierungsaktion in Gommern

Familie Schlicht tat ihr Möglichstes, um Jared zu helfen. Gründete die Facebook Gruppe „Jared will leben“, in der sie immer wieder Bilder von ihrem Jared postete, über Positives und Negatives berichtete. Auch eine Typisierungsaktion in Gommern wurde auf die Beine gestellt. Doch nach Jareds Rückfall brachte die Stammzellenpende keinen Erfolg, die Spende konnte die Barriere zum Gehirn nicht durchbrechen und Jared starb. In Sachsen Anhalt gibt es nur zwei Kliniken die Krebs bei Kindern behandeln, diese befinden sich in Magdeburg und Halle. „Das Elternhaus ist für mich wie ein zweites Zuhause geworden. Es war während der Zeit der Erkrankung eine große Hilfe für mich und meine Familie. Hier findet man nicht nur Ruhe, sondern auch Hilfe bei dem Ausfüllen von Anträgen“, erinnert sich Julia Schlicht.

Während der schwierigen Zeit von Jareds Therapie war der freundschaftliche Austausch mit den anderen Familien, die sich in einer ähnlichen Situation befanden wie Familie Schlicht, eine große Stütze. Diese Freundschaften sind der Familie geblieben und seien auch in der Trauer eine Hilfe gewesen, sagt Julia Schlicht. „Manchmal konnte man auch einfach über Belangloses sprechen. Es dreht sich nicht immer alles im Elternhaus um die Erkrankung. Was auch sehr wichtig ist“, erzählt Julia Schlicht und ergänzt: „Wir besuchen das Elternhaus immer noch. Es gibt hier regelmäßig Kreativabende, die wir gemeinsam besuchen.“ Mit einigen Eltern sei sogar eine echte Freundschaft entstanden, erzählt die Gommeranerin.

Bilder

Wie ein zweites Zuhause

Und auch nachdem Jared den Kampf gegen den Krebs verloren hatte, ist das Elternhaus als ein Ort der Ruhe, Erinnerung und Hilfe für die ganze Familie geblieben. Auch ihr ältester Sohn Tyron Jean verarbeitet noch den Verlust seines Bruders. „Hier ist mein zweites Zuhause. Ich habe mich hier wohl gefühlt“, erinnert sich der Zehnjährige.

Ein Zuhause für eine schwere Zeit bieten und eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Familien wohlfühlen, war auch das Ziel von Prof. Uwe Mittler, als er vor vielen Jahren die Idee hatte, ein Elternhaus durch Spenden in Magdeburg aufzubauen. „Für die meisten Eltern ist es wichtig, während dieser schweren Zeit bei ihrem Kind zu sein. Wir wollten hier einen Ort schaffen, an dem sich die Eltern und Geschwister nicht wie im Krankenhaus fühlen“, sagt Uwe Mittler, heute Vorstandsvorsitzender der Stiftung Elternhaus am Universitätsklinikum Magdeburg und früher Professor für pädiatrische Hämatologie und Onkologie an der Universität Magdeburg.

80 Prozent Heilungsrate

„Obwohl die Forschung schon große Fortschritte gemacht hat, sterben immer noch Kinder an Krebs. Etwa acht von zehn Kinder können die Krankheit besiegen. Leider gehörte Jared nicht dazu“, sagt Julia Schlicht. „80 Prozent Heilungsrate sind immer noch zu wenig“, fügt Mittler hinzu, der neben seiner Vorstandstätigkeit in der Stiftung Elternhaus auch Gründungsmitglied des Magdeburger Förderkreises krebskranker Kinder ist. Daher sei es ihm und Julia Schlicht wichtig, die Forschung weiterhin zu unterstützen, sagt Uwe Mittler.

„Die Kinderkrebszentren wurden in den 70er Jahren von Ärzten der wissenschaftlichen Gesellschaft gegründet, die sich mit Kinderkrebs beschäftigt, auch schon zu DDR Zeiten“, erinnert sich Mittler an die Gründung dieser Zentren, besonders an sein Wirken beim Aufbau des Magdeburger Zentrums – nach der politischen Wende 1990 wurde Mittler mit fünf betroffenen Familien und seiner damaligen Ambulanzschwester aktiv. So entstand der Magdeburger Förderkreis krebskranker Kinder. Heute leisten 73 Elternvereine, unter anderem der Magdeburger Förderkreis, regelmäßig ihren Beitrag, in Form von Spenden, an den Dachverband „Deutsche Leukämie Forschungshilfe – Aktion für krebskranke Kinder“ (DLFH) in Bonn in Forschungs- und Sozialfonds. Weitere Spenden erhält die DLFH zum Beispiel von Firmen und Privatpersonen.

Förderung von Forschungsprojekten

Fünf bis sechs Millionen Euro investiert die DLFH jährlich, über die von ihr gegründete Stiftung „Deutsche Kinderkrebsstiftung“ in Bonn, in die Kinderkrebs-Forschung, in der Hoffnung, die Heilungschancen für Kinder weiter zu verbessern. Hierbei handelt es sich um anerkannte Forschungsprojekte, die eine Prüfung durch ein Begutachtungsverfahren durchlaufen müssen, bevor eine Förderung vergeben wird. An der Magdeburger Kinderonkologie wurde ein solches Projekt bis 2021 mit mehr als einer halben Million Euro bewilligt.

Aus dem Sozialfonds gehen etwa 700 000 Euro jährlich an Familien, die durch die Erkrankung ihres Kindes in finanzielle Not geraten sind. Beinah täglich gehen Anträge ein von Familien, die die finanzielle Hilfe in Höhe von 1500 Euro ein- oder zweimalig in Anspruch nehmen. Weitere Unterstützung können betroffene Familien durch den Magdeburger Förderkreis und die Stiftung Elternhaus bekommen.„Wir hoffen natürlich, dass dank der Forschung, immer weniger Kinder werden, die mit einer so schweren Erkrankung zu uns kommen“, erzählt Prof. Uwe Mittler.

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