Burg l Die Einladung in die Staatskanzlei war eine Art Wiedergutmachung. 2018 war Haseloff Schirmherr der Weihnachtspäckchenaktion des Netzwerker, konnte aber wegen einer kurzfristig einberufenen Sitzung bei Bundeskanzlerin Angela Merkel das Benefizkonzert im Roland-Gymnasium nicht besuchen. Ein zweiter Termin platzte ebenfalls, Innenminister Horst Seehofer war diesmal Schuld daran. Aber im dritten Anlauf klappte es. Mit einer neunköpfigen Gruppe war die Regionalgruppe vertreten, außerdem waren auch Wobau-Geschäftsführerin Bärbel Michael sowie Kommunal- und Landespolitiker Markus Kurze (CDU) mit von der Partie, beide unterstützen das Netzwerk. So war es der Wobau gelungen, noch vor Weihnachten eine alleinerziehende Mutter in einer neuen Wohnung unterzubringen.

Haseloff machte es sichtlich Spaß, die Besuchergruppe durch seinen Amtssitz zu führen, das Palais am Fürstenwall, das einstmals nicht nur Dienstgebäude der preußischen Generalkommandantur war, sondern der kaiserlichen Familie auch als Gästehaus diente.

Führung durch das Palais

Die Treppe zum kaiserlichen Empfangssalon war gesperrt. Sie werde nur genutzt, wenn die Bundeskanzlerin empfangen werde oder der Bundespräsident, erklärte Haseloff, „oder wenn wir beim Neujahrsempfang versuchen, das Volk bei Laune zu halten“.

Natürlich wurde bei der Führung ein Blick in den Festsaal geworfen ebenso wie in das Kaminzimmer. „Das haben wir nicht nur für Kleingruppengespräche, sondern vor allem für die Empfänge von Botschaftern“, erklärte der Ministerpräsident. Und er erklärte auch, warum der Regierungssprecher ein Büro mit angeschlossenem Balkon hat: „Der ist Raucher“.

Wie Förderlismus funktioniert

Eine Stunde Zeit hatte sich der Ministerpräsident für seine Gäste aus dem Jerichower Land genommen, die er zusammen mit seiner Ehefrau Gabriele empfing. Er schaute aber keineswegs auf die Uhr. Am Kabinettstisch mit den kryptisch erscheinenden Buchstabenkombinationen wie „Stk“ und „MLV“ erklärte er nicht nur, dass das Staatskanzlei und Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr bedeutet, sondern auch, wie man in einer Koalition Kompromisse schließen muss, um die Mehrheit zu behalten. In Thüringen sei eine klare Mehrheit verloren gegangen, selbst in Bayern liege die CSU nur bei 38 Prozent, da wolle das gepflegt werden.

Haseloff erklärte den Bundesrat und warum er es richtig findet, dass die Stimmverteilung der Bundesländer nicht nach den Einwohnerzahlen berechnet ist. So hat Sachsen-Anhalt vier Stimmen, das etwa achtmal bevölkerungsstärkere Nordrhein-Westfalen sechs. „Anders kann Föderalismus nicht funktionieren, man muss den Kleinen auf Augenhöhe begegnen“, sagte er.

Unterschiedliche Motivationen

Vor allem aber nutzte Haseloff die Zusammenkunft im Kabinettssaal mit seinem kreisförmigen Tisch, um in großer Runde den Ehrenamtlichen des Netzwerks Leben „Danke“ zu sagen. Einerseits dafür, dass sie sich für Frauen und Familien einsetzen, andererseits auch dafür, dass sie mit ihrem Handeln ein Zeichen für das Leben setzen. So würden die kirchlichen Beratungsstellen zwar keinen Beratungsschein für einen Schwangerschaftsabbruch ausstellen, das Signal sei aber offenbar in der Bevölkerung angekommen. „Die Zahl der Schwangerschaftsunterbrechungen ist rückläufig“, sagte er.

Das Ehepaar Haseloff zeigte sich sehr interessiert an der Arbeit der Burger. So hatte die ehemalige Leiterin Gisela Kliche die Chance, von der ersten Weihnachtspäckchenaktion zu erzählen. „Die alleinerziehende Mutti war so überrascht, ihr standen Tränen in den Augen“, erinnerte sie sich. Milenka Rölke lobte die Spontaneität des Netzwerkes und Antje Becker, die seit einem Jahr dabei ist, schilderte ihre Dankbarkeit. Ihre MS-kranke Tochter habe selbst einmal Hilfe der Gruppe gebraucht.

Kein Trostplaster nätig

Am Rande des Empfangs sagte Haseloffs Referent Gabriel Adolf, dass er einen Empfang in der Staatskanzlei auch einmal als Trostpflaster nutze, wenn ein anderer Termin nicht zustande gekommen sei. Doch als Trostpflaster hat den Nachmittag wohl keiner der Netzwerker empfunden.