Burg l Heute kann er es sagen: „Es geht mir gut.“ Und er meint das Gesagte ernst. Eghbal Nabizadeh flüchtete vor sechs Jahren aus dem Iran in Richtung Europa. Ein Jahr dauerte seine Reise. Mehrere Länder flogen nur so an ihm vorbei. Seine erste Zuflucht in Deutschland wurde die Stadt Burg. Und auch wenn ihm dort wieder Schlimmes drohen sollte, bleibt der damals 16-Jährige bei seinem Ziel: Eine neue Heimat, ein neues Zuhause finden, ankommen im fremden Land.

Heute, Eghbal Nabizadeh ist inzwischen 23 Jahre alt, hat er all diese Ziele erreicht. Er hat eine eigene, kleine Wohnung. Er hat eine Arbeit in Magdeburg. Er hat Freunde und Familie in Burg. Aus dem jungen Flüchtling ist ein erwachsender Mann geworden. Eghbal, ein fröhlicher, junger Mann, ist ein wenig schüchtern. Er lispelt leicht und wenn er das Wort „Burg“ sagt, dann rollt er das „r“ – seine Muttersprache persisch bahnt sich dann einen Weg in die erlernte, deutsche Sprache, die er inzwischen sehr gut beherrscht.

Flucht mit 15 Jahren

Als Eghbal in Deutschland ankommt, kennt er kein einziges Wort dieser seltsam klingenden Sprache. Er ist Afghane. Sein Heimatland kennt er jedoch nicht, er ist mit seiner Mutter und Schwester als illegaler Flüchtling im Iran aufgewachsen. In seiner Kindheit beginnt er zu arbeiten, um die Familie zu versorgen. Irgendwann hat er genug. Mit 15 Jahren flieht er mit seinem Onkel, seiner Tante und seinen drei Cousins in Richtung Europa.

Während der Flucht wird die Familie getrennt. In der Gemeinschaftsunterkunft in Burg treffen sie sich nach ihrer langen Reise wieder, die Wiedersehensfreude ist groß. Eghbal lernt Deutsch und besucht die Diesterwegschule. „Dort hat es mir gefallen“, sagt der 17-Jährige damals. Doch er darf nicht bleiben. In einer Nacht- und-Nebel-Aktion wird die Familie abgeholt. „Mitten in der Nacht klopfte es. Vor unserer Tür standen Polizisten“, erinnert sich Eghbal. Die Familie wird abgeschoben – illegal, wie sich später herausstellt.

Der 17-Jährige flüchtet aus dem Flüchtlingslager Debrecen in Ungarn, wo man die Familie hinverfrachtet hatte. Er flieht nach Österreich und wird wieder nach Deutschland überstellt. Doch nichts ist mehr, wie es mal war. Er darf nicht zur Schule, seiner Familie droht weiter die Abschiebung. Ein Teufelskreis aus Angst und Hoffnungslosigkeit.

Die eigene Geschichte als Lernfaktor

Seine Geschichte ist für ihn auch heute noch eine Last. „Es ist immer noch schwer für mich, was da passiert ist“, sagt Eghbal Nabizadeh. „Ich bin stolz, dass ich das alles geschafft habe.“ Seine Erfahrungen gibt er heute weiter. An Geflüchtete, die in Deutschland ankommen und Angst haben. Angst um die zurückgelassene Familie, Angst vor dem komplizierten Asylverfahren, Angst vor Abschiebung.

Dann erzählt der 23-Jährige den Neuankömmlingen in der Flüchtlingsunterkunft im Magdeburger Herrenkrug seine Geschichte. Dort arbeitet er seit 2016 als Betreuer in der Flüchtlingshilfe und wird als Dolmetscher eingesetzt. Seine Muttersprache persisch ist Amtssprache in Iran, Afghanistan und Tadschikistan, wo viele der Geflüchteten herkommen. „Ich kann mich einfühlen aufgrund meiner Geschichte“, sagt Eghbal. „Viele sagen, sie hätten an meiner Stelle den Mut verloren.“

Haus an Haus reiht sich in der Flüchtlingsunterkunft in Magdeburg. Kleine Bungalows in Ocker und Blau, einer gleicht dem anderen. Ein Straßenschild mit der Aufschrift „Katzensteig“ soll die Orientierung erleichtern. Doch der 23-Jährige braucht sie nicht – er kennt das Gebiet gut, kennt die Bewohner. Der Dolmetscher muss zu Karim Eshandari, einem 18-jährigen Afghanen. Sie müssen ein Formular ausfüllen, Eghbal Nabizadeh erklärt seinem Landsmann die Inhalte. So, wie ihm damals jemand dies erklärte, als er noch fremd in Deutschland war. „Eghbal ist für uns eine immense Hilfe. Er nimmt vielen Bewohnern die erste Anst“, sagt Lena Jaschob, Fachbereichsleiterin Flüchtlingshilfe und Integration der Johanniter-Unfall-Hilfe. Der Landesverband betreibt die Flüchtlingskunterkunft in Magdeburg.

Wiedersehen nach fünf Jahren

Über 5000 Kilometer von seiner Heimat entfernt hat Eghbal ein neues Zuhause gefunden. Burg bleibt für ihn der Dreh- und Angelpunkt. Denn obwohl er mit seinem Beruf in Magdeburg die Wahl hatte, den Wohnort zu wechseln, blieb er der Stadt im Jerichower Land treu. „Mein Onkel und meine Tante wohnen noch in Burg. Und ich habe viele Kumpels“, erklärt er seine Verbundenheit. Er pendelt täglich – erst mit dem Zug, inzwischen mit einem eigenen Auto. Mit einem verlegenen Lächeln sagt er: „Burg ist meine zweite Heimat geworden.“

Doch das Heimweh, das ist nie ganz vergangen. Seine Mutter ist weiterhin im Iran. Nie hat er seine Heimat vergessen, der Draht ist noch da. Im vergangen Jahr reiste er zum ersten Mal zurück in den Iran, um seine Mutter zu besuchen. Ein Wiedersehen nach fünf Jahren. „Es war so schön, meine Mutter zu sehen. Wir haben uns vermisst“, sagt Eghbal. Wenn er davon erzählt, sieht man seine Lachfältchen noch deutlicher. Auch in diesem Jahr möchte er wieder hinfliegen. In das Land, aus dem er flüchtete.