Burg l „Es kann doch nicht sein, dass es so lange dauert. Es stehen Menschenleben auf dem Spiel!“, sagt Katja Hoppe kopfschüttelnd. In der Familie der Burgerin ist jemand an Krebs erkrankt. Als sie davon erfahren hat, dass der Einsatz des Schmerzmittels Methadon bei der Krebstherapie helfen könnte, hat sie beschlossen, sich für den Einsatz stark zu machen. Denn noch wird das Medikament nur vereinzelt von Ärzten verschrieben, da klinische Studien bislang ausstehen.

Das zu ändern ist Ziel einer Petition, die im vergangenen Sommer eingereicht wurde und den Bundestag auffordert, „Forschungsgeld für klinische Studien zum Einsatz von D,L-Methadon (Methadonhydrochlorid) bei der Behandlung von Krebspatienten zur Verfügung zu stellen“, wie es darin heißt.

Petition wuchs rasant

Die Petition erreichte und überschritt innerhalb kürzester Zeit die benötigte Anzahl von 50.000 Unterschriften. Daran hatte auch Katja Hoppe einen Anteil. „Ich habe fast den ganzen Tag Unterschriften gesammelt“, sagt sie. Das war im Juni und Juli 2018. Auch ihre Chefin Michaela Schmitt sowie Freunde und Verwandte haben sie dabei tatkräftig unterstützt. Die Unterschriftensammlung sei nicht immer einfach verlaufen. „Einige Angesprochene hatten Bedenken wegen dem Datenschutz. Aber viele haben auch selbst Menschen mit Krebserkrankungen in ihrem Verwandten- und Bekanntenkreis und haben sich schnell beteiligt“, so die Burgerin.

Um noch mehr Menschen zu erreichen, war sie auch bei verschiedenen Veranstaltungen, deren Organisatoren sich mit ihrem Anliegen solidarisiert haben und nennt beispielsweise die Fête de la Musique in Burg. Circa 1500 Unterschriften haben sie und ihre Unterstützer insgesamt im Jerichower Land sammeln können, zumeist in Straßengesprächen in verschiedenen Orten des Landkreises. Denn obwohl die Petition auch im Internet unterzeichnet werden konnte, sei die Hemmschwelle dort höher. Katja Hoppe begründet dies damit, dass online eine Registrierung notwendig ist, die viele Leute abschrecke.

Methadon fungiert als Türöffner

Doch wie genau hilft das Methadon bei der Krebstherapie? Alexander Schaible, Initiator der Petition, versucht es möglichst einfach und ohne medizinische Fachbegriffe zu erklären: „Das Methadon wirkt wie ein Türöffner. Es schließt die Tumorzellen auf und sorgt dafür, dass die Stoffe einer Chemotherapie besser eindringen und wirken können.“

Der Vater des Ulmers ist an Krebs erkrankt. Nach einem Vortrag von Dr. Claudia Friesen, einer Krebsforscherin der Universität Ulm, die sich für den Einsatz von Methadon in der Krebstherapie einsetzt, habe er den Entschluss gefasst, die Petition zu starten.

Unabhängige Gelder sind wichtig

Bereits im vergangenen Jahr äußerten sich Dr. Claudia Friesen und andere Experten dazu in der Volksstimme. „Wir müssen die Wirkverstärkung der Chemotherapien durch Methadon in klinischen Studien nachweisen“, sagte die Krebsforscherin im August 2018. Dafür sei es wichtig, unabhängige Gelder für klinische Studien zu bekommen. Sie verwies zudem darauf, dass das Mittel sowie deren Dosierung und Nebenwirkungen seit Jahrzehnten gut erforscht seien.

Kritischer sah es Dr. Jost Achenbach. „Außer Frage steht, dass Methadon ein erprobtes und verkehrsfähiges Medikament ist, das jedoch auch erhebliche Nebenwirkungen haben kann“, sagte der Chefarzt in der Lungenklinik Lostau und nannte beispielhaft die Gefahr von Atemdepression. Nichtsdestotrotz befürwortet auch er klinische Studien.

Mittel wird stark gestreckt

Weitere Bedenken betreffen das Abhängigkeitspotenzial von Methadon, welches auch als sogenanntes Substitutionsmittel beim Heroinentzug eingesetzt wird. „Das Mittel wird stark gestreckt; nicht wie das Methadon, welches zur Heroinsubstitution angewendet wird“, wendet Katja Hoppe darauf ein. Alexander Schaible unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen Sucht und Abhängigkeit. Während Drogen wie Heroin süchtig machen, seien beispielsweise Diabetiker abhängig von Insulin. Zudem belaste Methadon im Gegensatz zu anderen Krebsmitteln weder die Leber noch die Nieren.

Beide vermuten indes einen anderen Grund, warum Methadon in der Krebsforschung bislang kaum Beachtung fand. Das Patent ist nämlich seit einiger Zeit abgelaufen. „Die Pharmaindustrie hat ein großes Interesse daran, dass Methadon nicht als Krebsbekämpfer auf den Markt kommt. Denn damit verdienen sie nicht so viel wie mit anderen Therapiemethoden“, meint Alexander Schaible und ergänzt, dass die jährliche Dosis Methadon pro Patient „lediglich 300 bis 400 Euro“ kosten würde.

Nachdem die Petition im Juli 2018 die erforderliche Unterschriftenzahl erreicht hatte, wurde das Thema im November im Petitionsausschuss besprochen. Der Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Thomas Rachel (CDU), sagte damals gegenüber der Deutschen Apotheker Zeitung, dass sein Ministerium keine Auftragsforschung betreibe, die Bundesregierung der Förderung klinischer Studien zum Einsatz von Methadon in der Krebstherapie aber offen gegenüberstehe.

Forschungsministerium fehlen Materialien

Seitdem hat sich jedoch nichts getan, wie eine Anfrage der Volksstimme an das Forschungsministerium ergab. „Dem BMBF liegen derzeit ebenfalls nur die Informationen aus der Presse hierzu vor. Der Petitionsausschuss des Bundestages hat die entsprechenden Materialien noch nicht an das BMBF versandt“, teilt deren Pressesprecher Volker Abt mit. „Die Annahme positiver Wirkungen von Methadon in der Krebsbehandlung hat sich unter Zugrundelegung geltender wissenschaftlicher Prinzipien in Untersuchungen am Menschen bisher noch nicht bestätigt“, sagt er weiter. Das BMBF könne daher keine Aussage zu möglichen Erfolgschancen der Behandlungsmethode treffen.

Alexander Schaible sieht das anders. 160 Ärzte würden derzeit in Deutschland Methadon zur Krebstherapie verschreiben. Einer von ihnen habe ihm vor Kurzem gesagt: „Ich bin nach wie vor skeptisch, ob es wirkt. Aber ich sehe Patienten ohne und mit Methadoneinsatz. Und letztere haben eine bessere Lebensqualität.“ Alexander Schaible begründet dies damit, dass man unter dem Einfluss von Methadon im Gegensatz zu anderen Schmerzmitteln klar und wach bleibe.

Enttäuschung

Trotz aller Widerstände sei er „guter Dinge, dass die Wirkung von Methadon bald wissenschaftlich untermauert wird.“ Katja Hoppe ist da weniger optimistisch. „Jeder sagt, dass etwas getan werden muss, aber es passiert einfach nichts“, zeigt sie sich enttäuscht.