Tucheim l „Man merkt dem Wild deutlich an, ob wir uns in einem Revier mit defensiver Jagd befinden“, sagt Thomas Wöhling. „Sehr deutlich!“ Über einem Stück Acker läuft er zum Ansitz am Rande des Kiefernwaldes. Jeden Schritt setzt er mit Bedacht. Stopp. Fernglas vors Auge. Nichts zu sehen.

Oder doch: Spuren. Ganz frisch! "Ein Damhirsch", sagt Wöhling.

Seit mehr als 25 Jahren ist der Tucheimer mit Ehefrau Antje in den Wäldern Mitteldeutschlands unterwegs. Mit Kamera und Stativ statt Flinte und Waidmesser. Wöhling redet nicht, er flüstert. Begleitung ist diesmal nicht seine Frau, sondern der Mann von der Volksstimme.

Bilder

Zwei Stunden Ansitz sind reichlich Zeit für Anekdoten im Flüsterton. Zum Beispiel von dem Tag, als Antje mit drei Wespenstichen in der Haut und reichlich Wut im Bauch von der Kanzel kletterte, um sich am Wassergraben mit einer Flasche Bier zu beruhigen. Für sie war klar, dass es an diesem Sommertag keine tierischen Filmaufnahmen mehr geben würde. Darauf noch einen kräftigen Schluck aus der Flasche. Immer noch verärgert über die angriffslustigen Wespen hält sie die Hände vors Gesicht, als sie ein merkwürdiges Schmatzen vernahm.

Ganz langsam dreht sie den Kopf in Richtung Ufer, wo ein Fischotter genüsslich einen Fisch verspeist. Mit ganz vorsichtigen Bewegungen in Zeitlupe greift sie zur Videokamera. Und tatsächlich bekommt sie die äußerst seltenen Bilder in den Kasten.

Hochwertige Technik auf dem Stativ

Auch Thomas Wöhling hat auf dem Ansitz sein Stativ aufgestellt. Darauf schraubt er Videotechnik im Wert von mehr als 4000 Euro. Anspruchsvolle Technik für anspruchsvolle Bewegtbilder. Immer im Winter können die Menschen an den filmischen Erfolgserlebnissen teilhaben.

Die nächste Gelegenheit dazu gibt es am 6. und 7. Januar in der Tucheimer Gaststätte Zum Fiener. Die Wöhlings zeigen ihre schönsten Naturaufnahmen auf Großbildleinwand: „Die Filme sind bereits geschnitten. Ich bin derzeit dabei, sie zu besprechen“, sagt Antje Wöhling nach der Rückkehr ihres Partners mit dem Volksstimme-Mann.

Zeit für die eine oder andere Anekdote gibt es in der Gaststätte zwischen Wildpräparaten und Wildgerichten für die Wöhlings mit hunderten Gästen. Vielleicht erzählt Thomas dort die Geschichte seines Ansitzes, als sich eine Bache unter die Kanzel schlich: „Da erlebst du das Tier hautnah und kannst es nicht filmen.“ An einem anderen Tag lief ihm eine Wildkatze vor die Linse. Tage später trafen sich vor seiner Nase ein Wolf und ein Rothirsch.

Viele seiner Geschichten fangen an mit: "Wir waren grad am Zusammenpacken, als ...“.

Einsames Damtier in der Abenddämmerung

Genauso sollte der Tag auf dem Ansitz in der Dämmerung enden. Beim Zusammenräumen der Kamerautensilien verirrt sich doch noch ein einsames Damtier auf das Ackerstück vor dem Ansitz.

Doch niemand wird das Tier auf der Großbildleinwand in Tucheim sehen. „Zum Filmen ist es schon zu dunkel“, sagt Wöhling. Macht nichts. Beide Wöhlings sind sich einig: „Es sind nicht die Trophäen, die uns regelmäßig in die Wälder unserer Heimat ziehen. Es ist die Liebe zur Natur.“

Ein Stück weit haben sich die Wöhlings den Wald aufs Grundstück nach Tucheim geholt. Da stehen Bäume – mitten in der Scheune. Aus Abwurfstangen gebastelte Lampen hängen an der Decke: Die Geweihe, wie der Laie sagt, sind nicht geschossen, sondern gefunden. Die Wände sind mit Brennholz-Scheiten veredelt.

Die Natur ist auch im Hause zu Gast – ein dickes Glas ruht auf einer knorrigen Baumwurzel. Auf dem Tisch steht eine deftige Waldpilzsuppe. „Wir haben uns ein Umfeld geschaffen, in dem wir uns rundum wohlfühlen“, sagt Thomas Wöhling, der im beruflichen Alltag als Malermeister unterwegs ist.

Waldgeschichten zum Feierabend

Und wenn der Mond die Alleinherrschaft übernommen hat, der Hausherr sich sein Feierabendbier gönnt – dann ist Zeit für all die Geschichten aus der Dämmerung am Waldesrand. Von Begegnungen mit Wolf und Wildkatze. Material für ein Kinderbuch haben sie längst beisammen. Oder auch zwei... oder drei.