Burg l Der gewalttätigen Situation zu entkommen, das bisherige Leben hinter sich lassen und sich dann auch noch auf eine fremde Umgebung und unbekannte Menschen einlassen – dies kann die Frauen überfordern, die häusliche Gewalt erleben, weiß Susann Schuster, Leiterin des Burger Frauenhauses. Deswegen hat sie sich mit ihrem Team eine Strategie überlegt, um Frauen, die Hilfe erbitten, zu unterstützen. „Zunächst einmal müssen wir uns einen Überblick verschaffen. Braucht die Frau sofort Hilfe oder kann sie ihren Auszug noch etwas vorbereiten? Haben wir die nötigen Kapazitäten für sie oder Kinder? Wie kommt sie zu uns?“ Wenn diese ersten Fragen geklärt sind und die Frau in der Einrichtung angekommen ist, versucht die Leiterin des Frauenhauses einzuschätzen, wie der emotionale Zustand der Frau ist.

Notversorgung mitten in der Nacht

„Manchmal ist es mitten in der Nacht, die Frauen sind regelrecht geflohen und einige haben nichts weiter dabei als das, was sie am Körper tragen“, erläutert Susann Schuster. Falls dies der Fall ist, hält das Burger Frauenhaus eine Notversorgung bereit. Es gibt einige Lebensmittel und Kleidungsstücke.

„Wenn die Frauen bei uns ankommen, haben sie meist ein geringes Selbstwertgefühl.“

„Wir geben den Frauen zunächst ein paar Tage Zeit, ehe wir uns dann den Fragen zuwenden, wie es in Zukunft weiter gehen soll“, so die Frauenhausleiterin. „Die meisten Frauen wollen zunächst aus der Gewaltsituation raus. Den Partner zu verlassen, steht dabei nicht unbedingt im Vordergrund.“ Susann Schuster ermöglicht den Frauen eine psychosoziale Beratung, um herauszufinden, was die Frauen bewegt: „Sehr oft stehen die Frauen in einer abhängigen Beziehung. Ich versuche, mit ihnen einen Hilfsplan aufzustellen, um zu sehen, wo die Reise letztendlich hingeht.“

Dabei soll festgelegt werden, ob die Frau sich dafür entscheidet, wieder nach Hause zu gehen oder in eine neue Wohnung zu ziehen, oder ob der Mann die bestehende Wohnung verlassen muss. Wenn diese Handlungsschritte festgelegt sind, hilft das Frauenhaus, die organisatorischen Schritte in die Wege zu leiten.

Sich wieder handlugsfähig fühlen

Dabei ist es wichtig, dass Ziele formuliert werden, die die Frauen auch erreichen können“, so Susann Schuster. „Wenn die Frauen bei uns ankommen, haben sie meist ein geringes Selbstwertgefühl, und dann wäre es eher schädlich, sie vor Aufgaben zu stellen, die sie nicht schaffen können. Wenn sie Ziele erreichen, fühlen sie sich schließlich wieder handlungsfähig.“

Jeder Fall, mit dem Susann Schuster und ihr Team im Frauenhaus konfrontiert werden, ist individuell. „Es ist allerdings wichtig zu sagen, dass wir keine therapeutische Einrichtung sind“, betont Schuster. „Wir können helfen, die Strukturen zu verändern, in denen die Frauen gelebt haben. Und das ist oft ziemlich schwierig. Denn diese Frauen haben oft massive Gewalt erlebt, müssen eventuell eine Trennung verarbeiten und befinden sich dann bei uns in einer völlig neuen Situation, was als belastend wahrgenommen werden kann. Manchmal wird es dann emotional erst einmal schlimmer, eher es besser wird.“

Die größte Angst: allein zu sein

Sie hat oft erlebt, dass die Frauen sich schwer tun, die Beziehung mit gewalttätigen Männern zu beenden, denn trotz der Demütigungen und Verletzungen ist die Beziehung etwas Vertrautes, der Umzug ins Frauenhaus bedeutet für sie unbekanntes Terrain und die Frauen wissen nicht, was auf sie zukommt und wie es dann für sie weitergehen soll. Eine der größten Ängste der Frauen sei es, allein zu sein. Um dies zu verhindern, würden viele die gewaltvolle Beziehung aufrecht erhalten, da sie befürchten, allein nicht zurecht zu kommen. „Das ist ein riesiger Problem-Komplex und die Sorgen lösen sich mit dem Einzug bei uns ja nicht auf. Es kommt vor, dass die Männer die Frauen stalken, dass sie hier vor dem Haus stehen und die Frauen sich dann nicht raus trauen.“

Ehe die Frauen wieder oder überhaupt auf eigenen Beinen stehen können, müssen allerdings viele Hürden überwunden werden. Drogenkonsum kann eines der Probleme sein. „Es kommt vor, dass uns die Bewohnerinnen diesbezüglich anlügen, und das ist natürlich ein großes Problem. Das kann auch bei psychischen Erkrankungen der Fall sein. Dann müssen wir abwägen, ob die Betroffenen eine Gefahr für sich und andere sind, und müssen sehen, ob und wie wir damit umgehen können.“

„Es ist wichtig, dass Ziele formuliert werden, die die Frauen auch erreichen können.“

Hilfsangebote gibt es einige für die Bewohnerinnen. So gibt es einen juristischen Beistand. „Wenn beispielsweise Verletzungen gerade im Gesicht vorliegen, wollen die Frauen so natürlich auch nicht unbedingt auf die Straße gehen, um einen Anwalt aufzusuchen“, erklärt die Leiterin des Frauenhauses. In schweren Krisen kann das Frauenhaus auch auf die Hilfe von zwei Psychologinnen eines mobilen Teams zurückgreifen.

Erlebtes aufarbeiten und eine Strategie entwi

Seite dem Jahr 2017 gibt es eine Sozialpädagogin im Frauenhaus, die sich der Bedürfnisse der Kinder annimmt, die die Frauen oft ins Frauenhaus begleiten. Mit ihr können die Kinder Erlebtes aufarbeiten und eine Strategie entwickeln, wie sie sich wieder sicher fühlen. „Es wird zum Beispiel ein individueller Ressourcen-Koffer entwickelt, auf den die Kinder zurückgreifen können, wenn sie einen Flashback haben oder in Panik geraten“, so Schuster. Ziel sei es, die äußere und innere Sicherheit der Kinder wieder herzustellen. „Die äußere Sicherheit ist dabei vergleichsweise einfacher, indem sie aus der gewalttätigen Situation herausgekommen sind. Aber das Gefühl von Sicherheit zu vermitteln, ist schwieriger“, erklärt Susann Schuster.

Eine bestimmte Zielgruppe gebe es übrigens nicht. Susann Schuster erklärt, dass Gewalt gegen Frauen ein Problem ist, das sich durch alle Schichten zieht. „Wir haben hier Migrantinnen ohne jegliche Deutsch-Kenntnisse bis hin zu Ehefrauen von Ärzten. Es trifft ältere Frauen genauso wie jüngere.“ Manchmal gibt es auch Fälle, in denen sich Gewalt durch Generationen zieht. „Eine unserer derzeitigen Bewohnerinnen war schon hier, als sie noch ein Kind war und ihre Mutter vor ihrem gewalttätigen Partner geflohen ist.“ Allerdings gibt es auch erfreuliche Wiedersehen mit ehemaligen Bewohnerinnen. Viele hielten den Kontakt zum Frauenhaus, da sie dort eine vertrauensvolle Basis finden, auch wenn sie ihr Leben nun wieder eigenständig bestreiten. „Wenn die Frauen uns wieder verlassen, gehen sie meist gestärkt und psychisch gesünder in ihr neues Leben. Und sie haben oft auch Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten gewonnen.“