Burg l Seit 1992 begleitet das Cornelius-Werk Diakonische Hilfen gGmbH im Verbund der Dachstiftung Diakonie auf dem zwischen Burg und Parchau gelegenen Gut Lüben Kinder, Jugendliche und Senioren mit differenzierten Hilfsangeboten. Davor gehörten die Gebäude zu einer preußischen Landeserziehungsanstalt (1912 bis 1945), später zum größten Jugendwerkhof der DDR.

In die mehr als 100-jährige und bislang vielfach noch unbekannte Geschichte dieses Ortes taucht die Autorin Franziska Kruse mit ihrem Dokumentarfilm ein.

Erinnerungen

„In den Heimen der DDR wurde mir meine Kindheit und Jugend genommen“, sagt der heute 64-jährige Volkmar Jenig. Ab 1968 wurde er für eineinhalb Jahre im Jugendwerkhof Burg untergebracht und kommt im Film zu Wort.

Für die Einheimischen war Gut Lüben lange das „Lümmelheim“, ein Ausdruck, der, so der heute im einstigen Anstaltsleiter-Büro arbeitende Cornelius-Werk-Geschäftsführer Stefan Böhme, wohl noch aus der Vorkriegszeit stammt.

Für viele der sogenannten Zöglinge aber war der in Gut Lüben eingerichtete Jugendwerkhof „August Bebel“ einer der schlimmsten Orte ihres Lebens. Sie waren zwischen 14 und 18 Jahre alt, galten als verhaltensauffällig, nicht systemkonform oder schwer erziehbar.

Strenger Tagesablauf

In den Jugendwerkhöfen sollten sie, so erfährt man im Film weiter, im Sinne der sozialistischen Ideologie zu Gehorsam umerzogen werden - durch strenge Disziplin, einen stark reglementierten Tagesablauf und Arbeit in Burger Großbetrieben.

„Das Schlimmste war die Angst vor der Bestrafung durch die Gruppe (…) Es kann sich keiner vorstellen, wie schlimm das war“, berichtet Volkmar Jenig. Auch Torsten und Nicole E., die Ende der 1980er Jahre im „Lümmelheim“ leben mussten, bestätigen im Film Demütigungen, Körperstrafen und Isolation durch Arrest.

Zeitzeugen

Doch es gibt auch Zeitzeugen, die ganz andere Erinnerungen an die Zeit im Jugendwerkhof haben. So erzählt die heute 52-jährige Dorit B., die aus einem schwierigen Elternhaus weglief: „Ich hatte Glück mit meiner Gruppe. Es war eine Art Familienersatz. Einige der anderen Mädchen waren wie meine Schwestern, einige Jungen wie meine Brüder.“

Auch die Schriftstellerin Dorothea Iser aus Niegripp ist als Zeitzeugin im Film zu sehen. Sie war nach ihrem Studium von 1967 bis 1980 als Erzieherin im Burger Jugendwerkhof tätig.

Rückblicke

Auf diese Jahre rückblickend sagt Iser heute, dass ihre Erinnerungen sowohl schön als auch quälend sind. Sie wollte diese Arbeit seinerzeit unbedingt machen, so Iser, weil sie sich für die einsetzen wollte, „die im Aus sind“. Das sei ihr vielfach auch gelungen.

Der Historiker Dr. Steffen Meier von der Dachstiftung Diakonie, der die Dreharbeiten begleitete, kommt ebenso zu Wort. Er und Stefan Böhme wollen die Erinnerung an die Geschichte von Gut Lüben wachhalten und „Ehemaligen“, die immer wieder an die Tür klopfen, demnächst in Form eines „Erinnerungsraumes“, den sie auf Gut Lüben einrichten wollen, eine spezielle Anlaufstelle geben. „Neben den Biografien von Ehemaligen sammeln wir dafür zurzeit noch Informationen, unter andrem im Landeshauptarchiv. Geplant ist, den Erinnerungsraum im Herbst 2020 zu eröffnen“, so Meier.

Der Film zeigt weiter, dass noch heute auf dem weitläufigen Gelände von Gut Lüben fast alle der alten Gebäude stehen, auch das sogenannte „feste Haus“, das ehemalige Gefängnis der Anstalt. Hier wurden „schwer erziehbare“ Jugendliche gezüchtigt, auch in den Jahren des Nationalsozialismus.

Dunkle Zeiten

Es gibt sogar Hinweise, dass einige von ihnen nach „erb- und rassenbiologischen“ Gesichtspunkten als „erbkrank“ eingestuft und zwangssterilisiert wurden.

Aus dieser dunkelsten Zeit schlägt der Dokumentarfilm einen Bogen ins Heute, wo Erziehungsarbeit unter ganz anderen Vorzeichen und Bedingungen stattfindet.

Das Filmteam um Franziska Kruse hat unter anderem im „Zillehaus“ gedreht, wo aktuell acht- bis 15-jährige Kinder und Jugendliche mit Betreuern leben. Im Cornelius-Werk sollen sie Halt, Vertrauen sowie praktische und seelische Lebenshilfe bekommen.

Im Rahmen der Reihe „Der Osten – Entdecke wo du lebst“ ist die TV-Dokumentation „Das Lümmelheim in Burg - Ungezogen, umerzogen“ am Dienstag, 19. März, ab 21 Uhr im MDR-Fernsehen zu sehen. Am selben Tag ist der ehemalige Jugendwerkhof auch in der Sendung „Sachsen-Anhalt heute“ ab 19 Uhr Thema.

Die Filmpremiere mit anschließender Diskussion findet am Sonnabend, 16. März, von 10 bis 12 Uhr im Kino „Burg-Theater“ statt. Der Eintritt ist frei.

Die Autorin Franziska Kruse und andere am Film Beteiligte werden anwesend sein.