Herr Doßmann, müssen sich Schüler und Eltern auf einen Streik im Jerichower Land vorbereiten?

Ingo Doßmann: Derzeit deuten alle Vorzeichen der Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst darauf hin.

Gibt es einen Termin?

Einen konkreten Tag kann ich nicht nennen. Doch wer mit einem Warnstreik in der kommenden Woche rechnet, liegt nicht falsch.

Ihre Gewerkschaft fordert ein Paket, das einer sechsprozentigen Gehaltssteigerung entspricht. Viele Menschen fragen sich, ob gut verdienende Lehrer noch mehr Geld bekommen sollen.

Wir sind Gewerkschafter. Es geht also auch um eine gerechte Entlohnung für unsere Arbeit, aber nicht in erster Linie. Wir wollen ein Auseinanderdriften der Gehälter im öffentlichen Dienst verhindern. Denn im Tarifvertrag der kommunalen Angestellten sind die Entgelte mittlerweile im Schnitt vier Prozent höher als bei den angestellten Lehrern. Diese Lücke müssen wir schließen. Es geht unter anderem um die so genannten Erfahrungsstufen: Während beispielsweise die verbeamteten Kollegen von insgesamt sechs Erfahrungsstufen im Gehaltsgefüge profitieren, bleibt die sechste den Angestellten versagt. Es geht uns Lehrern und Erziehern nicht nur um Prozente auf dem Gehaltszettel. Viel schwerer wiegt der tägliche Frust über die Zunahme der Belastungen und unzureichende Arbeitsbedingungen.

Nennen Sie uns ein Beispiel.

In Sachsen-Anhalt starteten die Schulen ohne Vertretungsreserven in das Schuljahr. Bedeutet für mich als Grundschulleiter: Wenn ein Kollege wegen Krankheit ausfällt, muss ich pro Woche 27 Unterrichtsstunden neu organisieren. Das geht nur mit Überstunden oder Unterrichtsausfall. Es gibt auch Fälle, wo Klassen tageweise nach Hause geschickt werden, weil es an Lehrern mangelt. Die Grundschule Güsen musste über Wochen krankheitsbedingte Ausfälle verkraften. Massive Stundentafelkürzungen gab es unter anderem an der Sekundarschule Diesterweg in Burg, die Volksstimme hatte mehrfach darüber berichtet. Ein weiteres Problem gibt es an den Grundschulen in Möckern und Pestalozzi in Burg ohne Pädagogische Mitarbeiter. An der Förderschule Burg ist Ethik-und Religionsunterricht nicht möglich. Die Liste der Kürzungen ist lang.

Ein anderes Problem sind fehlende Sprachlehrer für die Eingliederung der neuen Schüler.

Richtig. In Genthin gibt es keinen Sprachlehrer, obwohl der Bedarf vorhanden ist. Wir müssen also mit unseren Mitarbeitern zusätzlich Inklusion und Migration bewältigen. Die Arbeitsbelastung steigt seit Jahren. Deshalb empfinden es unsere Kollegen als Hohn, wenn Bildungsminister Tullner erstmal prüfen möchte, ob es sich um einen tatsächlichen oder gefühlten Bedarf handelt.

Wie zeigt sich dieser Bedarf im Schulalltag?

Bedingt durch diese schlechte Unterrichtsversorgung leisten die Kollegen enorme Mehrarbeit. Das gilt nicht nur für Vertretungsstunden, einige Kollegen an den Grundschulen leisten bis zu drei Stunden Aufsicht, um die Öffnungszeiten abzusichern. Bildungsminister Tullner sagt, wir gehen in den kommenden fünf Jahren durch ein Tal der Tränen. Mit dieser Aussage stehen die Lehrer im Regen. Seit zehn Jahren weist die GEW auf den Lehrermangel hin. Doch statt mit Lehrerausbildung gegenzusteuern, hat das Ministerium an dieser Stelle massiv gespart. Die Auswirkungen bekommen wir jetzt zu spüren. Jedes Jahr verlieren wir im Land 800 Kollegen an den Ruhestand. Es kommen Jahr für Jahr weniger nach.

Was muss aus Ihrer Sicht passieren?

Die Lehrer und Erzieher an den Schulen sind mit den steigenden Belastungen das Opfer einer völlig verfehlten Personalpolitik. Dieser Frust findet in den laufenden Tarifverhandlungen ein Ventil und sorgt dafür, dass es eine hohe Streikbeteiligung geben wird. Ich rechne im Jerichower Land mit 200 Kollegen, die sich am Warnstreik in der nächsten Woche beteiligen werden. Traurig ist die Tatsache, dass es im Landeshaushalt einen 300-Millionen-Überschuss gibt, während sich die Politik über die Einstellung von 100 zusätzlichen Lehrern streitet.

Manche Eltern sind unsicher, ob sie ihre Kinder an einem Streiktag zur Schule schicken sollen.

Ja, da wird tatsächlich mit dem Begriff Ordnungswidrigkeit gedroht. Aber mit dieser Logik wäre jede Stundentafelkürzung, jede Ausfallstunde eine Ordnungswidrigkeit. Das Land ist nicht in der Lage den Unterricht abzusichern. Haben Sie schon mal erlebt, dass das Bildungsministerium dafür zahlen muss? Seit August 2016 hat das Land durch diesen Mangel an Lehrern 18 Millionen Euro eingespart. Geld, das man den Kindern des Landes vorenthalten hat. Das ist skandalös, nicht der Fakt, ob Eltern am Warnstreiktag die Kinder zu Hause lassen.