Nedlitz l Eigentlich hatte das Eckhaus schon zum Verkauf gestanden, aber es fand sich kein ernsthafter Interessent. Das Grundstück verfügte über zu wenig Stellplätze, es fehlte der Garten. Aus heutiger Sicht waren diese Minuspunkte ein Glücksfall für Nedlitz. Statt es zu verkaufen, fanden in dem kommunalen Gebäude nacheinander die Gemeindebücherei, die Näh- und Bastelstube und schließlich die Heimatstube ihren Sitz. Mit ganz viel Heimat sei das Haus heute gesegnet, sagte Gommerns Bürgermeister Jens Hünerbein anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Heimatstube.

Die Idee, die leerstehenden Räume neben der Bibliothek mit Leben zu füllen, geht auf die ersten „Bücherwürmer“ Ursula Schiller und Erika Bierhals zurück. Die ehemalige Arztpraxis wurde leergeräumt, die Jugendlichen aus dem Jugendclub halfen dabei. Das Einrichten der Heimatstube unterstützten viele Nedlitzer Familien mit Sachspenden und Leihgaben. Es entstanden eine komplett ausgestattete Küche, in der man gleich das Mittagessen zubereiten könnte – ohne elektrische Unterstützung, versteht sich –, ein Wohnzimmer mit dem Charme der 1950er Jahre, eine Wäschekammer mit Leinentüchern, einer elektrischen Waschmaschine aus den 1930ern und Unterwäsche, die vielleicht niemand vermisst, sowie einem Raum, der sich Nedlitzer Handwerk und Landwirtschaft widmet.

100 Gäste kommen zusammen

Natürlich benötigte die Heimatstube, die im Heimatverein Gommern organisiert ist, auch eine Vorsitzende. Ortsbürgermeisterin Christine Becker dachte an ihre Nachbarin, eine rüstige Rentnerin. „Nach etwas Überlegen sagte sie ja.“ Für ihre Entscheidung von vor zehn Jahren bekam Karin Salwiczek spontanen Beifall von den Besuchern, die sich in den Ausstellungsräumen und auf dem Flur dicht drängten. Um die 100 Gäste aus Nedlitz und den umliegenden Ortschaften kamen am Donnerstagnachmittag zusammen.

Bilder

Karin Salwiczek und Renate Bandemer, die Leiterin der Näh- und Bastelstube, hatten die Idee, das zehnjährige Bestehen der Heimatstube mit einer Sonderausstellung historischer Ansichtskarten zu feiern. Die ersten Exemplare steuerten sie selber bei. Den Großteil stellten Erika und Claus Bierhals zur Verfügung, die in vielen Stunden und mit großer Liebe zum Detail auch die Ausstellung aufbauten und komplettierten. So ergänzen uralte Ski und Schlittschuhe die Ansichtskartenserie zum Thema Sport oder ein historisches Zeugnis von Erika Bierhals‘ Mutter die Sammlung zum Schulanfang.

Gebäude zu halten als Herausforderung

Die Heimatstube, die Kirche mit ihrer Ausstellung zur Bestattungskultur und den Nedlitzer Mumien und das Straußenland: Einen ausgefüllten Tag könnten Touristen in der Ortschaft verbringen, sagte Jens Hünerbein. Er verschwieg aber auch nicht, dass es in Zeiten klammer Kassen für die Stadt eine Herausforderung sei, das Gebäude zu unterhalten. Er zeigte sich optimistisch, dass das gemeinsam mit dem Stadtrat auch weiterhin gelinge. „Macht weiter so!“, wünschte er sich, und fügte hinzu: „Wenn ihr Sorgen habt: Platz des Friedens 10, erste Etage“. Dort hat der Bürgermeister sein Büro. Wie die Ortsbürgermeisterin kam er nicht mit leeren Händen.

Christine Becker nutzte den großen Rahmen, um auf die Verdienste aller drei Einrichtungen im Gemeindehaus hinzuweisen. Die Bücherei, ob mit Ausleihe, einem Platz zum Erzählen oder regelmäßigen Veranstaltungen, die Näh- und Bastelstube mit ihrer gelungenen Dekoration zu unzähligen Veranstaltungen und die Heimatstube mit ihrem Engagement für das Dorfleben – „und das alles ehrenamtlich!“

Nedlitzer Chronisten am Werk

Claus Bierhals gab eine kleine Einführung in die Ausstellung der historischen Ansichtskarten. Die sechs Exemplare am Eingang stammten aus der Sammlung, die Dr. Reinhard Ritter aus Schermen den Nedlitzern zur Verfügung gestellt hatte. Auf diesen Karten basierte unter anderem die Recherche zu den Nedlitzer Häusern und ihren Geschichten der Nedlitzer Chronisten.

Ein richtiges Betrachten der Ansichtskartenserien war erst möglich, als sich nach der offiziellen Eröffnung die vielen Besucher auf die Räume verteilten und das selbst hergerichtete Buffet großen Anklang fand. In der Bücherei konnten außerdem die Sitzmöglichkeiten genutzt werden.

Ausstellung jeden Donnerstagnachmittag offen

Die Ausstellung ist jeden Donnerstagnachmittag von 16 bis 18 Uhr geöffnet. Darüber hinaus nach Vereinbarung mit Karin Salwiczk oder Werner Meyer. Wenn gewünscht, kommen Erika und Claus Bierhals gern für eine Führung dazu.