Burg l Es ist 14 Jahre her, seit der Tag gegen Homophobie ins Leben gerufen wurde. Und morgen genau 30 Jahre, seit die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität aus dem Diagnoseschlüssel für Krankheiten entfernte. Das heißt seit dem 17. Mai 1990 wird Homosexualität nicht mehr als krankhaft eingestuft.

Doch verschwunden ist Ablehnung und Feindseligkeit gegenüber Schwulen und Lesben dennoch nicht aus der Gesellschaft. „Es ist wichtig, das Thema immer wieder in Erinnerung zu rufen und den Menschen deutlich zu machen, wie wichtig Toleranz und Akzeptanz sind“, sagt Falko Jentsch, Sprecher des Vereins CSD Magdeburg. Der Verein veranstaltet am 17. Mai von 15 bis 18 Uhr auf dem Domplatz in Magdeburg die Aktion „Flaggenmeer“, mit der gegen Homophobie demonstriert werden soll.

Derbe Witze über Homosexualität

Einer der Besucher wird der 18-jährige Tim Müller (Name von der Redaktion geändert) sein. Er wohnt im Jerichower Land und macht eine Ausbildung zum Mechatroniker. Da er bereits mehrere negative Reaktionen zum Thema Homosexualität erlebt hat, möchte er nicht mit seinem tatsächlichen Namen genannt werden. Er selbst würde seine sexuelle Orientierung derzeit nicht eindeutig definieren, in das recht enge Korsett der Heterosexualität passt sie jedoch nicht.

„In jüngster Zeit kamen solche Reaktionen vor allem aus dem Arbeitsumfeld“, berichtet der junge Mann. Kollegen rissen derbe Witze über Homosexualität. „Das kommt vor allem von den Älteren. Sie scheinen Vor- urteile gegen die Szene zu haben.“ Ein Vorfall während der Arbeit ist Tim Müller besonders im Gedächtnis geblieben: „Wir haben einen Kunden besucht, und ich bin mit ihm ins Gespräch gekommen. Die Situation war eigentlich sehr nett und angenehm. Irgendwann kam ein weiterer Herr dazu, der als der Partner des Kunden vorgestellt wurde. Für mich war das gar kein Thema.“ Nach dem Auftrag im Auto habe ein Kollege dann auf sehr herablassende Weise über den Kunden und seine Sexualität hergezogen.

Fehlende Toleranz versteht Tim Müller nicht

Solches Verhalten empfindet Tim Müller auch persönlich als verletzend. Die fehlende Toleranz gegenüber unterschiedlichen sexuellen Orientierungen ist für ihn unverständlich. Versuche, in Gesprächen darauf aufmerksam zu machen, stießen am Arbeitsplatz nicht auf Verständnis.

Dennoch geht die Entwicklung zu mehr Toleranz in der Gesellschaft in kleinen Schritten voran. Ein wichtiger Punkt war erst kürzlich das Verbot von Konversionstherapien, auf das Jonathan Franke, Referent für Geschlechtervielfalt beim Kompetenzzentrum geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe Sachsen-Anhalt, hinweist. Behandlungen, die Homosexuelle vermeintlich heilen und heterosexuell werden lassen, sind nun untersagt.

Altere Menschen homophober als jüngere

Doch nicht nur im Berufsleben ist Tim Müller Homophobie begegnet. „Ich war mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs und ein offenbar lesbisches Paar saß nebeneinander und hat nichts gemacht, das in irgendeiner Weise eine ablehnende Reaktion gerechtfertigt hätte. Dennoch kam ein älterer Mann zu ihnen und wurde richtig laut. Er beschimpfte sie. Ich fand das sehr unangemessen und bin dann dazwischen gegangen“, erinnert er sich. Ein weiterer Fahrgast schaltete sich ebenfalls ein und so begleiteten sie ihn schließlich aus dem Fahrzeug. „Draußen war ein Mitarbeiter der Nahverkehrsgesellschaft und auch er versuchte, dem älteren Herrn zu vermitteln, dass sein Verhalten nicht in Ordnung gewesen ist.“ Er stufe solche Übergriffe als respektlos ein. „Jeder Mensch ist doch ein Mensch und jeder soll so glücklich werden, wie er möchte“, meint er.

Tim Müller hat die Erfahrung gemacht, dass ältere Menschen tendenziell homophober reagieren als jüngere. Diese Annahme bestätigt sich in der Studie zu Einstellungen gegenüber sexueller Orientierungen der Antidiskriminierungsstelle des Bundes aus dem Jahr 2017. Hier wird deutlich, dass 3,7 Prozent der 16- bis 30-jährigen Befragten homophobe Einstellungen vertreten. Bei den 31- bis 60-Jährigen waren es 7,6 Prozent und bei den über 60-Jährigen waren es 16,3 Prozent.

Wunsch nach fehlender Homophobie

„Klar gibt es auch mal bei Jugendlichen welche, die pöbeln oder homophobe Sprüche machen, aber ich habe doch eher den Eindruck, dass die jüngere Generation mit dem Thema ziemlich entspannt umgeht“, schildert Tim Müller.

Für die Zukunft wünscht sich der 18-Jährige, dass „Homophobie aussterben“ würde. „Ich würde mir wünschen, dass einfach jeder so akzeptiert wird, wie er ist.“