Gerwisch l Jahrtausende lang hatte sich im Flussbett der Elbe der wertvolle Bodenschatz angesammelt, der 1888 erstmals durch Wilhelm Northe aus dem Boden geholt wurde. Die Rede ist von Sand und Kies, die es auch heute noch rund um Gerwisch gibt. Die Sandberge sind die größten Zeugen der Fülle an diesem wichtigen Baustoff, der noch vor 130 Jahren mit der Hand gewonnen und in kleinen Waggons, den Loren, über eine Feldgleisanlage befördert wurde. Viele Gerwischer Familien verdingten sich in diesem Geschäft, gründeten eigene Kies- und Sandgruben, die auch heute noch als kleine Teiche in der Elbaue und entlang der Ehle zu finden sind.

100 Arbeiter beschäftigt

Wurden zunächst Elbkähne beladen, fand bald eine neue Art des Materialtransportes statt. Entscheidend war hierbei der industrielle Gedanke der Firma Weichsel, Ritter und Rodenbeck, die ab 1893 mit einem Bagger Kies und Sand aus dem Boden holte und über eine normalspurige Bahntrasse bis zum Bahnhof Gerwisch transportierte. 100 Arbeiter, so heißt es in einer alten Gerwischer Chronik, seien bis zur Stilllegung dieser Gerwischer Kiesgrube im Jahr 1911 mit der Kiesgewinnung beschäftigt gewesen.

Die Stilllegung bedeutete aber noch längst nicht das Ende der Ausbeutung der Bodenschätze. Die Weichselche Kiesbaggerei existierte durch deren Erben bis in die 1950er Jahre. Durch sie wurde ab 1943 das Betonwerke der Gebrüder Hermecke, das weiterhin auf den Rohstoff aus der Elbaue setzte, beliefert. Hier wurden zunächst Hohlstegdielen und Schaumbetonplatten auch durch 40 ukrainische und 100 englische Kriegsgefangene gefertigt.

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Kiesbahn weiterhin Teil des Ortsbildes

Die kleine Kiesbahn, die auch heute noch an der August-Bebel-Straße/Ecke Lostauer Straße steht, fuhr noch bis ins Jahr 1970 ihre Fracht bis an das Hauptgleis der Reichsbahn. Dann wurde der Bahnanschluss abgebaut.

Bis dahin hatten rund 280 Mitarbeiter im 1954 gegründeten Kies- und Betonwerk gearbeitet. Kies und Sand aus Gerwisch waren damals bedeutend für den Wiederaufbau der zerstörten Städte in der DDR. So wurden beide Rohstoffe, die gut zum Verputzen geeignet waren, auch beim Aufbau der Berliner Stalinallee eingesetzt. Der feine Sand, der in seiner Struktur fast einzigartig ist, fand zudem lange Zeit als Bremssand bei der Bahn Verwendung.

Die kleine Lok aber verbrachte ihre arbeitsfreie Zeit und den Ruhestand in einem eigenen Lokschuppen, ehe sie an ihren heutigen Standort kam.

Spuren hinterlassen

Die Spuren des Kiesabbaus und des Kies- und Betonwerkes in Gerwisch finden sich heute nicht nur in der Landschaft der näheren Gerwischer Umgebung, sondern in vielen Städten Deutschland. Immerhin produzierte das Betonwerk mit Hilfe des vor Ort befindlichen Rohstoffes zuletzt 45.000 Tonnen an Betonplattenfertigteilen, die in vielen standardisierten Schul- und Wohnungsbauten der DDR eingesetzt wurden.

Am 28. Februar 1992 kam dann das Ende des Kies- und Betonwerkes in Gerwisch, das seit 1990 unter dem Titel „Baustoffe Mittelelbe“ versucht hatte, durch die Fertigung von Kleinbetonteilen in der Marktwirtschaft Fuß zu fassen. Die Kiesbaggerei fand damit ebenfalls ein Ende. Zurückgeblieben sind die Gerwischer Kieslöcher, die sich auf der Lostauer Gemarkung befinden. Sie waren und sind ein beliebtes Ausflugsziel für Campingfreunde und Badelustige.

Ein neues „Freibad Gerwisch“, wie es zwischen 1895 und 1911 existierte, konnte sich aber nie etablieren.