Burg/Genthin l „Wir wollten nie eine etablierte Partei sein, vor 30 Jahren hätte ich nicht im entferntesten gedacht, dass wir uns dazu entwickelt würden“, sagt Lutz Nitz (63), einer jener ersten Genthiner, die sich im Ende 1989 den Grünen anschlossen haben.

Nitz gehört wie Christoph Kaatz aus Loburg zu jenen Grünen, die der Partei im Landkreis seitdem ein Gesicht gegeben haben. Der Lehrer und der promovierte Landwirt sitzen seit etlichen Wahlperioden mit dem grünen Parteibuch im Kreistag. Nitz war einer von drei Sachsen-Anhaltern, die am Freitag Gäste der Festveranstaltung „30 Jahre Bündnis 90 und 40 Jahre Die Grünen“ waren, zu der der Bundesvorstand der Bündnisgrünen eingeladen hatte.

Aufbruchstimmung zur Gründung

„Storchenvater“ Christoph Kaatz, wie er landauf, landab genannt wird, erinnert sich heute noch immer gern die Wende-Zeit. „Mit fünf, sechs Leuten haben wir damals die Grüne Partei in Anhalt ins Leben gerufen. Unkompliziert und mit einer unglaublichen Aufbruchstimmung, die die Zeit prägte.“ Schließlich seien die Umwelt- und Naturschutzprobleme oftmals augenscheinlich gewesen, „und der Wille zur politischen und gesellschaftlichen Veränderung war allerorten spürbar“, sagt Christoph Kaatz, der mit seinen 81 Jahren noch immer politisch aktiv ist, „obwohl sich weitaus mehr jüngere Leute engagieren sollten“. Nur freitags zu demonstrieren reiche bei weitem nicht aus, um die Probleme, wie die Folgen des Klimawandels, zu lösen. „Das geht nur, wenn man sich konkret einbringt“, sagt Kaatz. Deshalb sei es richtig, wenn sich die Bündnisgrünen heute bemühten, mehr Leute wachzurütteln und für die brennendsten Umweltthemen zu sensibilisieren.

Dass die Grünen dabei oft angefeindet werden, ist eine Erfahrung, mit der Lutz Nitz leben kann. „Wir sind im Vergleich zu anderen Parteien den großen Themen in der Umwelt-, Energie- und Klimapolitik über Jahrzehnte treu geblieben, das macht uns als Partei aus“, sagt er. In allen Programmen würden mittlerweile Themen aufgenommen, die die Grünen schon lange besetzen.

Im Osten immer noch eine Verbotspartei

Von dem Aufschwung, den die Grünen in den alten Ländern gegenwärtig erleben, profitiere man in den neuen Ländern allerdings kaum. „Wir werden im Osten immer noch als eine Verbotspartei wahrgenommen“, macht sich Nitz nichts vor. Die Partei sei hier gefordert, den Menschen bessere Erklärungen zu geben. Ein Beispiel: Die Verhinderung der Autobahnabfahrt Reesdorf haftet der Partei heute noch an.

In der kommunalpolitische Vertretungen mischen die Grünen mittlerweile in allen größeren Städten und Gemeinde des Landkreises bis auf Jerichow mit. Mit Sympathisanten stellte der relativ kleine Kreisverband bei den zurückliegenden Kommunalwahlen etwa 30 Listenplätze.

Grünen nicht die größten Player

Vor allem die Region Burg holte in den vergangenen Jahrzehnten auf. Hier gab es nach der Wende noch keine grüne Vertretung. Trennendes zwischen West- und Ost-Grünen, die zum Teil ganz unterschiedliche Wurzeln haben, gibt es im Kreisverband nicht, meint Nils Rosenthal aus Schopsdorf, der in den alten Ländern Mitglied der Grünen wurde und kurzzeitig als Kreisverbandsvorsitzender agierte.

Auf kommunaler Ebene sind die Grünen im Jerichower Land nicht gerade die größten Player. „Um etwas durchzusetzen, sind wir im Kreistag und in den Stadträten auf Kompromisse mit anderen demokratischen Parteien angewiesen. Wir brauchen Partner, um Mehrheiten zu erzielen“, sagt Nitz. Nicht immer kamen die Grünen damit zum Erfolg. Etliche Schulschließungen, darunter auch das Aus der Schule in Loburg, waren nicht in ihrem Sinne. Dass sich der Kreistag wiederum gemeinsam für den Neubau des Genthiner Gymnasiums ausgesprochen hat, ist für Nitz eines von vielen Beispiel dafür, dass eine gemeinsame Sacharbeit über Fraktionen hinweg zum Erfolg führen könne.

Jeder kann etwas bewirken

Für Christoph Kaatz muss man nicht unbedingt ein politisches Mandat besitzen oder ein Amt bekleiden, um im Sinne der Grünen wirken. Auch im Kleinen könne nach seinem Dafürhalten jeder seinen Beitrag zum Erhalt der Erde leisten. „Nicht jeder Kilometer muss mit dem Auto gefahren werden. Oder auf vielen Flächen ließen sich zusätzliche Bäume pflanzen“, sagt er. „Da genügt der Wille schon.“

Ähnlich wie der Storchenvater wünscht sich auch Lutz Nitz mehr Jugendliche in den Reihen der Bündnisgrünen. Leider sei bei einem Großteil der Jugendlichen Politik und politisches Engagement negativ besetzt, meint er. Die Friday for future-Bewegung sei für ihn ein Schritt in die richtige Richtung, bei dem man abwarten müsse, wie sie sich entwickle.