Hans-Dietmar Stiebahl arbeitete sieben Jahre als Bordseelsorger

Kreuzfahrt mit Gottes Beistand

Von Marco Papritz

Hans-Dietmar Stiebahl ist in der Einheitsgemeinde kein Unbekannter, obwohl er aus Südhessen kommt. Seit Jahren ist der Ruheständler als Urlaubsvertretung für Pfarrer Andreas Holtz in Gommerns Gemeinde aktiv und berichtet in Gesprächen von seinem Leben. Etwa von seiner Tätigkeit als Bordseelsorger, die ihn auf Kreuzfahrten rund um die Welt führte und mit verschiedenen Menschen in Kontakt brachte.

Gommern. Dass Hans-Dietmar Stiebahl vor sieben Jahren nur widerwillig in den Ruhestand ging, daran lässt er keinen Zweifel aufkommen. Zu gerne habe der heute 71-Jährige als Oberstudienrat gearbeitet und Religionsunterricht gegeben. "Aber mit dem Erreichen des 65. Lebensjahres ist nun mal Schluss", bedauert der Pfarrer im Ruhestand. Oder besser gesagt Unruhestand. Denn zu Hause bleiben sei nicht seine Sache gewesen im August 2004. Schließlich habe seine Frau Christa ihm von einer Kreuzfahrt berichtet, zu der sie eine nierenkranke Freundin begleitet hatte. "Sie sagte, dass es auf Schiffen doch Bordseelsorger gibt und dass das etwas für mich wäre", erinnert sich Hans-Dietmar Stiebahl.

Gesagt, getan. Ein Gespräch bei der zuständigen Stelle in Hamburg - und schon war der Pensionär angenommen. "Die erste Reise war erst in einem Jahr frei. Aber bereits nach drei Wochen klingelte das Telefon, ob ich nicht einspringen könnte", so Stiebahl. Und wieder war es seine Frau, die ihm zuredete, zunächst nach ins weit entfernte Perth zu reisen, um auf der Strecke von Westaustralien über den Indischen Ozean nach Südafrika an Bord eines Kreuzfahrtschiffes als Seelsorger tätig zu sein.

Was sich wie unbezahlter Urlaub anhört, denn die Tätigkeit ist unentgeltlich, entpuppt sich bereits am ersten Tag als Vollzeitjob. "Ein Stewart rief mich zu sich und berichtete mir, dass es an Bord einen Todesfall gab." Ein Mann verstarb an einer Lungenembolie, die Ehefrau war geschockt. "Jemand vom Schiffspersonal und ich blieben über Nacht bei der Frau, um mit ihr viele Gespräche zu führen. Einen Tag später reiste sie zurück nach Deutschland", erinnert sich Hans-Dietmar Stiebahl. Nach seiner Rückkehr wurde er von der Hinterbliebenen gebeten, bei der Beerdigung ihres Mannes zu sprechen. "Selbstverständlich bin ich diesem Wunsch nachgekommen."

Er habe zunächst nicht gewusst, worauf er sich eingelassen habe. "Ich dachte, ich bin nur der Zeremonienmeister. Aber das Bedürfnis, sich jemandem auf so einer Fahrt anzuvertrauen und mit einem Seelsorger zu sprechen, ist groß", sagt Hans-Dietmar Stiebahl, Jahrgang 1940. Unverarbeitete Trauer, Eheprobleme oder Familienstreitigkeiten würden die Menschen besonders im Urlaub beschäftigen, "wenn sie die Zeit finden, in sich zu gehen." In diesem Jahr habe ihm auch ein Reisender von dessen Misshandlung in Jugendjahren berichtet. "Wir haben uns viele Stunden unterhalten und ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Nicht einmal die Familie wusste, was dem Mann wiederfahren war", so der Pfarrer im Ruhestand.

Aber nicht nur negative Ereignisse prägten seine Arbeit an Bord der Kreuzfahrtschiffe. Hans-Dietmar Stiebahl führte auch das Glück zusammen. "Mich sprach ein junges Pärchen beim Frühstück an, ob ich sie kirchlich trauen könnte. Ich fragte, wann dies sein sollte und sie sagten ¿Heute Abend\' und dass sie niemanden auf dem Schiff dabei hätten, den sie kennen", erinnert er sich. Also rief der Bordseelsorger am Abend die Crew "in Gala-Kleidung" zusammen. Auf der Schiffsbrücke nahm er dem Paar unter dem Applaus der Anwesenden das Ehegelübte ab. "Das Glück war, dass der Kapitän aus Russland kam. Er hatte einen Strauß für das Paar dabei, denn in seinem Land ist es Brauch, Blumen ins Wasser zu werfen. Und genau in diesem Moment tauchten im Wasser Delfine auf, die allgemein für Glück stehen", berichtet Hans-Dietmar Stiebahl mit glänzenden Augen.

Als Bordseelsorger begleitete er sieben Kreuzfahrten und unternahm dabei auch eine Weltreise "von Nizza nach Nizza". Dienst habe er gehabt, sobald das Schiff in Bewegung war. Die Gottesdienste hatten stets ökumenischen Charakter. "Es war ein wunderbares Auskommen der beiden Konfessionen, es gab nie Probleme", so Stiebahl, der als Seelsorger an Bord zur Gruppe der Tageskünstler gehörte. Genau wie zum Beispiel Zauberer oder Sänger, die für die Unterhaltung der Gäste zuständig sind. "Vom ersten Tag an wurde ich super aufgenommen. Jedes Mal, wenn man solch eine Reise antritt, dann verbindet das unheimlich", so der ehemalige Oberstudienrat.

Seine letzte Kreuzfahrt führte ihn vor etwa vier Wochen ins Nordland bis nach Spitzbergen. "Da es bei mir nie langweilig wird, bin ich mal gespannt, was wohl als nächstes kommt", so Hans-Dietmar Stiebahl.

Diese und weitere Geschichten sind heute Abend ab 18 Uhr auf der Wasserburg in Gommern zu hören.