Gerwisch l Es sind die schweren Westernstiefel aus dunklem Leder, die sofort ins Auge fallen. Dann die Amerika-Flagge mit all den Sternen und Streifen auf dem Tisch, vor den schwarz-roten Sitzmöbeln, die direkt aus einem amerikanischen Diner stammen könnten. Wäre da nicht dieser Aufdruck: Fabulous Wilkes, Gerwisch.

Amerika im Herzen

Amerika hat einen besonderen Platz in Rainer Wilkes gitarrespielendem Herz, war immer ein Sehnsuchtsort, von dem er als junger Mann in der DDR nur träumen konnte. 1993, drei Jahre nach der Wende, war es dann soweit. Mit dem Bergmannsorchester Wolmirstedt reiste er in die Vereinigten Staaten. Dort fand er eine zweite Heimat – und eine zweite Familie. „Wir waren bei einer Dame untergebracht, die aus Wuppertal stammt“, erklärt der 60-Jährige. Der Kontakt zu Edeltraut, seiner „Mama Amerika“, besteht immer noch.

Auch die Liebe zu Amerika blieb – und die zur Musik. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben des Diplomingenieurs. Mit zehn spielte er in einem Blasorchester, vier Jahre später dann die erste eigene Band. „Eigentlich wollte ich auch Musik studieren“, erinnert sich Rainer Wilkes. Er fuhr nach Leipzig zur Aufnahmeprüfung, wurde jedoch abgelehnt. Die offizielle Begründung: „Ich konnte kein Klavier spielen.“ Aber Wilkes selbst vermutet den Grund an anderer Stelle.

Drei Mal von der Bühne geholt

„Ich wurde dreimal von der Bühne geholt“, erzählt er. Oder auch „zum Gespräch gebeten“, wie er selbst sagt. Einmal war der Staatsmacht der Text zu wild, als er in der Schule den Hit „Baby, du hast krumme Beine“ von Mike Krüger gesungen hatte. Einmal, weil er sich kritisch geäußert hatte, als ein Verstärker bei einem Konzert ausgefallen war. Und einmal, weil er zu sehr wie Reinhard Mey klang.

Trotz der „Gespräche“ ließ sich Rainer Wilkes nicht von der Musik abbringen. „Ich habe mir noch nie den Mund verbieten lassen“, betont der 60-Jährige. Der Vergleich mit Reinhard Mey ist dabei gar nicht so weit hergeholt. Beide singen deutsch, beide sehen sich als Liedermacher.

Zusammenarbeit mit Autorin

Den größten Teil seiner Texte schreibt Rainer Wilkes nicht selbst. Er arbeitet mit der Magdeburger Autorin Sabine Raczkowski zusammen. „Ich kenne sie schon länger, von meiner Arbeit als Diplomingenieur, und 2011 habe ich dann erfahren, dass sie auch schreibt.“ Er hatte ihr Buch „Die rote Schatulle“ entdeckt, fuhr zu einer Lesung. Es klickte zwischen beiden – auf rein künstlerischer Ebene.

Ganz alleine ist Rainer Wilkes also nicht, wenn er auf der Bühne steht, sei es im Burger „Rotfuchs“ oder in der Landeshauptstadt auf diversen Veranstaltungen. „Ich habe den größten Teil meiner Zeit jedoch als Teil einer Band gespielt“, so der Musiker. Seine erste Band, die „Andromedas“, coverte Hardrock. Die sieben Jungs verehrten den Sound von Deep Purple, da war Rainer Wilkes gerade 14 Jahre alt. „Seitdem ist die Musik etwas leiser“, erzählt der Gerwischer mit einem Lachen.

Clown ziert Debüt-Albumcover

Sich nicht ganz so ernst nehmen, das ist Rainer Wilkes wichtig. Auch deshalb ziert ein musizierender Clown das Cover seines ersten Album. 500 Stück hat er produzieren lassen – ein Geschenk von Rainer Wilkes an Rainer Wilkes zum 60. Geburtstag. „Das war immer mein Traum, ein eigenes Album aufzunehmen.“ Dabei half ihm der Musiker Simon Becker, den der Gerwischer beim Songwriterabend im Kulturkollektiv Magdeburg-Stadtfeld Ende 2017 kennengelernt hatte. Das zweite Album ist bereits in Planung, „Material habe ich mehr als genug“, so der 60-Jährige.

Knapp acht Jahre vorher hatte er den Schritt Richtung Solo-Künstler gewagt. „Ich sage immer Liedermacher, aber eigentlich bin ich Geschichtenerzähler“, erklärt Rainer Wilkes.

Was denn nun zuerst kommt, Melodie oder Text? Der Musiker denkt nach. Seine Augen wandern in Richtung der zahllosen amerikanischen Autonummernschildern an der Wand in seinem ganz persönlichen „American Diner“ im Garten in Gerwisch. „Eigentlich beides.“ Er lacht.

Tagelang eine Tonfolge im Ohr

Manchmal fragt Autorin Sabine Raczkowski nach einer Melodie, manchmal hat Wilkes tagelang eine Tonfolge im Ohr und fragt dann bei „seiner“ Liedermacherin an. Aber manchmal greift Rainer Wilkes dann doch selbst zu Stift und Papier. „Manche Sachen kann man nicht schreiben lassen“, betont der 60-Jährige. Zum Beispiel ein Lied über Emma, seine Enkelin, die gerade mal ein halbes Jahr alt ist. „Ich habe die kleine Maus das erste Mal gesehen und dann war das Lied da.“