Möckern l Dornröschen, das sich an der Spindel sticht, Goldmarie, die die blutige Spule im Brunnen waschen möchte, oder auch bei Rumpelstilzchen, wo die Müllerstochter Stroh zu Gold spinnen soll. In diesen Märchen und in einigen weiteren ist immer die Rede von einem Spinnrad. Und obwohl es sich um Märchen handelt, haben die Geschichten alle einen wahren Kern.

Ausgestorbenes Handwerk

Roswitha Schmuhl ist die amtierende Landesmeisterin von Sachsen-Anhalt im Spinnen. In zwei Stunden spann sie einen Faden aus Schafwolle mit einer Länge von 323 Meter. „Durch Spinnen in der Stille findet man Harmonie“, beschreibt Roswitha Schmuhl aus Möckern ihre Leidenschaft für das mittlerweile fast ausgestorbene Handwerk. Denn heutzutage wird in der Regel nur noch in der Industrie Garn gesponnen. Dabei kommen aber keine Menschen, sondern Maschinen zum Einsatz.

Spinnen wird seither definiert als Verspinnen von Stapelfasern zu Garn. Die Idee hinter der Technik der Industrie ist die Gleiche wie einst beim einfachen Spinnrad. Die Fasern werden in der gewünschten Stärke zu einem Faden zusammengedreht, welcher wiederum auf einer Spule oder heutzutage auf einem Spindelstock aufgewickelt wird.

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Ausbildung zur Paramentikerin

Roswitha Schmuhl hat das Spinnen noch in ihrer Lehre zur Paramentikerin gelernt. Die Bezeichnung Paramentik leitet sich aus den lateinischen Worten „parare mensam“ ab. Wörtlich übersetzt bedeutet es so viel wie „den Tisch bereiten“. So kirchlich, wie es klingt, war dieser Beruf auch, denn er beschäftigte sich mit der sachgemäßen Ausgestaltung von kirchlichen Räumen. Heute ist die Paramentik Teil der akademischen Pastorenausbildung.

Doch bevor man überhaupt mit dem Verspinnen von Wolle anfangen kann, muss die Rohwolle erst aufgearbeitet werden. Dafür wird die Wolle zunächst einmal gekämmt. Dabei werden mit Hilfe von Kämmen die einzelnen Fasern voneinander getrennt und in eine einheitliche Richtung gezogen. Im Anschluss kann die Wolle versponnen werden. Dafür gab es früher zwei Möglichkeiten. Zum einen konnte man mit Hilfe einer Handspindel oder zum anderen mit einem Spindelrad Fäden spinnen.

Aus Rohwolle wird Faden

Die Spindel besteht aus einem länglichen Spinnstab und einem Schaft, an dem eine Schwungmasse angebracht ist. Die Technik beim Spinnen mit einer Handspindel erinnert ein wenig an das Drehen eines Kreisels. Durch das Drehen des Spinnstabes beginnt der Schaft mit der Schwungsmasse zu rotieren, während sie in der Luft hängt. Die Rohwolle, die in der Hand gehalten wird, wird mit der anderen Hand in die Länge gezogen und durch die Rotation des Stabes zu einem Faden gedreht. Dieser wickelt sich automatisch um den Spinnstab.

Ein Spinnrad besteht im Wesentlichen aus einem Rad, das durch einen Fußantrieb bewegt wird, einem Flügel und einer Spule. Auf dieser wird schlussendlich dann der fertige Faden aufgewickelt. Doch etwas Spitzes, woran sich Dornröschen gestochen haben könnte, findet man an einem normalen Spinnrad nicht.

Wippen mit dem Fuß

Zuvor wird ein Faden an der Spule befestigt und am Flügel des Spinnrades durch ein Astloch gefädelt. „Ich habe mir dafür eine Häkelnadel am Flügel meines Spinnrades befestigt“, erzählt Rowitha Schmuhl, während sie vor ihrem Spinnrad auf einem kleinen Hocker sitzt. Die Wolle hat sie dabei auf dem Schoß, das Rad bekommt einen kleinen Schubser, und sie beginnt durch leichtes Wippen mit dem Fuß, den Antrieb des Rades zu bewegen.

Mit einem Spinnrad kann so einiges versponnen werden. Neben verschiedenen künstlichen Rohstoffen, wie es heute durchaus üblich ist, wurden früher vor allem Pflanzenfasern wie Baumwolle, Flachs oder Hanf und auch tierische Fasern wie Wolle, Seide oder Haare, versponnen.

Fäden können gefärbt werden

Das Verspinnen von Stroh hingegen gibt es nur bei Rumpelstilzchen. Dass sich jemand, wie Goldmarie, hingegen blutig gesponnen hat, ist nicht der Fantasie der Gebrüder Grimm entsprungen. „Beim Spinnen von Flachs zu Leinen hatten wir immer ein Töpfchen Wasser neben dem Spinnrad stehen, in das die Finger immer wieder eingetaucht wurden, damit wir uns die Finger nicht aufreißen“, erzählt Roswitha Schmuhl aus ihrer Lehrzeit. Doch nach dem Spinnen ist noch lange nicht Schluss. Veredelt werden können die Fäden durch Zwirnen, das Zusammendrehen von mindestens zwei Fäden. „Der Faden, der beim Spinnen entsteht, ist sehr dünn und nicht sehr strapazierfähig“, erklärt die gelernte Paramentikerin. „Durch das Zwirnen entsteht ein stabiles Garn.“

Die Fäden können aber auch gefärbt werden. Das fertige Garn kann zum Weben, Stricken, Nähen oder Häkeln verwendet werden. Die amtierende Landesmeisterin im Spinnen hat aus ihren zuletzt gesponnen Fäden eine Decke gestrickt.