Burg l Puppen sitzen brav aufgereiht auf dem Zimmerboden. Ein kleines Mädchen kritzelt mit Kreide auf den Holzschrank. Etwas Besseres lässt sich als Tafel nicht auftreiben –als Heike Engelke 1972 in Möckern eingeschult wurde, hatte sich das Klassenzimmer in einen Traum verwandelt. Den Traum, Lehrerin zu werden. Noch zu DDR-Zeiten verwirklicht sie ihr Ziel, lässt sich zur Grundschullehrerin ausbilden. Für Deutsch, Mathematik, Sachkunde und Musik.

Doch während der DDR habe der Lehreralltag kaum spontane Gedankengänge erlaubt. Auf vorgegebene Lehrpläne für ganz Ostdeutschland sei ein starrer Unterrichtsablauf gefolgt, an dem nicht zu rütteln gewesen sei. „Ich stand an der Tafel, meine Schüler hörten zu, notierten und beantworteten ab und an Fragen“, erinnert sie sich. „So, wie ich es aus meiner Schulzeit kannte.“ Ob diese Form des Lernens sinnvoll war, habe keiner infrage gestellt. Die reine Wissensvermittlung habe gezählt – und das sechs Mal die Woche. Denn Sonnabend galt als regulärer Schultag. „Zwar nur bis 11.30 Uhr, dennoch war unser Wochenende damit kürzer. Heute undenkbar“, resümiert die 54-Jährige.

Disziplin sechs Tage lang

Trotz Sechs-Tage-Woche war der Nachwuchs disziplinierter, sagt Heike Engelke. „Es gab weniger Störungen und kein Kind entschied, einfach mal keine Lust zum Lernen zu haben.“ Ein Umstand, den sie auf das generelle Leben in der DDR zurückführt. Ein guter Schulabschluss habe damals einen höheren Stellenwert besessen. Und damit auch die Achtung vor der Lehrkraft, die einem zu diesem Ziel verhelfen konnte.

Mit der Wende brach in ihrem Kollegium eine bewegte Zeit an, geprägt von Aufbruchsstimmung und Unsicherheiten. Ober- und Unterstufe wurden eingeführt, Sachsen-Anhalt musste ein eigenes Bildungskonzept einbringen, und jede Schule stellte zusätzlich interne Lehrpläne auf. „Plötzlich gab es nur das gemeinsame Ziel, welcher Wissensstand in den einzelnen Klassenstufen erreicht werden soll“, erzählt Engelke. „In welcher Reihenfolge die Themen behandelt werden und mit welchen Lehrbüchern wir arbeiten möchten, mussten wir für unsere Schule individuell auswählen.“ Sie erinnert sich noch gut an den Dschungel aus Schulbüchern, durch den sie sich mit den Kollegen schlängeln musste.

Tücken neuer Lehrpläne

Die veränderten Lehrpläne hatten ihre Tücken: Waren alle Schüler auf DDR-Gebiet zuvor auf demselben Stand, war dies bei einem Schulwechsel plötzlich nicht mehr gesichert. Mit extra Lernplänen, zusammengestellten Aufgabenzetteln und anschließender Korrektur, half Engelke den Wechslern aufzuholen. Arbeit, die zusätzlich anfiel und in der DDR kein Thema war.

Dennoch gefielen ihr die neuen Möglichkeiten. Partnerarbeiten weichten dem Frontalunterricht auf, Kinder begannen, voneinander zu lernen. Das hätte Heike Engelke auch gerne zu ihrer Schulzeit gehabt.

Immer mehr Aufgaben für Lehrer

Mit den Jahren sei der Berg an Aufgaben aber stetig angewachsen, habe zu einem anspruchsvolleren, zeitintensiveren Berufsalltag geführt. „Die Erziehung macht mittlerweile einen Großteil meiner Arbeit aus“, erzählt die Schulleiterin, die ihren Schützlingen ein respektvolles Miteinander beibringt. „Ich habe eine Vorbildfunktion, muss Verantwortungsbewusstsein nicht nur predigen, sondern auch vorleben.“ Gesprächsregeln länger als zwei Wochen durchzuziehen, ist eine Methode dafür.

„Es gibt Tage, an denen ich völlig erschöpft nach Hause komme“, gesteht Engelke. Doch das Mädchen, das einst seinen Puppen das Schreiben beibrachte, hat den Traumberuf nie bereut. Daran ändern auch wachsende Herausforderungen nichts.