Burg l Lernen und Beratung sind zwei Themen, die Victoria Winter-Tabrizian schon lange begleiten. In den vergangenen Jahren studierte sie in Magdeburg Sozial- und Erziehungswissenschaften und arbeitete nebenbei im Familienbüro der Universität. Dabei kam sie unter anderem mit Studierenden in Kontakt, die bereits Kinder haben, aber trotzdem ihr Studium meistern. Lernen muss also unter verschiedenen Umständen vonstattengehen. Dann kam die Corona-Pandemie und mit ihr auch viele Probleme für Schüler, Studenten und andere Personen, die lernen müssen. Aber sie sieht auch eine Chance: „Durch Corona ist die Akzeptanz für Online-Formate enorm gestiegen und ich denke, dass ich hier mit dem Lern-Coaching anknüpfen kann.“ Wenn die Pandemie vorbei ist, kann sie sich vorstellen, ihr auch Präsenz-Formate anzubieten, aber zunächst gibt es nur Online-Beratungen. „Diese könnte ich auch überregional anbieten und nicht nur im Jerichower Land“, überlegt sie.

Mehr als nur Nachhilfe

Doch was unterscheidet ihr Lern-Coaching von Nachhilfe? „Ich habe selber lange Nachhilfe gegeben und habe dabei bemerkt, dass diese eigentlich nur eine Symptom-Bekämpfung ist. Man kann mit Schülern einzelne Themen durchgehen, damit sie in der nächsten Arbeit eine bessere Note schreiben. Mathe eignet sich da sehr gut. Aber spätestens bei Fächern wie Sprachen, wo vieles aufeinander aufbaut, wird es deutlich schwieriger.“ Deswegen wollte sie ein Konzept erarbeiten, wie Lernen nachhaltiger vermittelt werden kann. „Ich versuche mit den jeweiligen Personen einen Weg zu finden, wie sie sich Lern-Methoden erschließen, die sich bei jedem Fach anwenden können. Ganz wichtig ist hier beispielsweise das Zeitmanagement.“ Sie bezieht sich hier auf Erfahrungen aus dem Studium, in dem ihr viele Kommilitonen berichtet haben, dass sie das Gefühl hätten, nicht genug gelernt zu haben. „Wenn man sich einen Zeitplan erstellt, mit dem man sich selbst vor Augen führt, wie viel man eigentlich schon gemacht hat, kann das sehr hilfreich sein. Auch um sich dann Pausen zu gönnen, in denen man neue Energie sammeln kann.“

Um zu erfahren, welche Methoden funktionieren können, setzt sich Victoria Winter-Tabrizian zunächst mit den Schülern und Studenten individuell auseinander. „Die Personen sind ja jeweils Experten für den eigenen Umgang mit dem Lernen.“ Sie spricht sich dafür aus, dass sie oder auch andere Lern-Coaches den zu beratenden Personen auf Augenhöhe begegnen müssen. „In der Schule gibt es ja oft hierarchische Strukturen, das soll es beim Coaching nicht geben.“

Schüler legen Ziele selbst fest

Das Coaching startet damit, dass geklärt wird, welches Problem oder Anliegen vorliegt. Geklärt wird dann, was erreicht werden soll und was dem Ziel momentan vielleicht noch im Weg steht. „Die Schüler und Studenten stecken sich dabei ihre Ziele selbst. Das ist für viele eine ganz neue Erfahrung, denn oft haben sie in der Vergangenheit nur die Ziele gehabt, die ihnen Eltern oder Lehrer vorgegeben haben.“ Es sei aber wichtig für die Motivation, dass es eigene Ziele sind. „Viele Probleme gibt es dann, wenn junge Menschen von der Schule auf die Uni kommen. Vorher haben ihnen die Lehrer gesagt, was sie lernen sollten. Aber plötzlich müssen sie das selber organisieren, das kann zu Problemen führen, wenn man selbstmotiviertes Lernen nicht gewohnt ist.“

Für die Beratung benötigen Interessierte lediglich eine Internetverbindung und ein Gerät, das ein Kommunikationsprogramm enthält. „Theoretisch würde auch eine Audioverbindung reichen, aber ich finde Videoberatungen doch deutlich besser, da man hier auch Körpersprache und Mimik sehen kann, was für ein Coaching auch wichtig sein kann.“ Genutzt werden können Programm wie Zoom oder Skype, allerdings ist Winter-Tabrizian hier flexibel: „Auch andere Programme wie Discord sind kein Problem.“ Gestartet ist das Coaching nach einigen Monaten der Konzeption am 1. Oktober. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.kopffrei.com und per Mail unter kontakt@kopffrei.com.

Victoria Winter-Tabrizian schätzt den Bedarf an Lern-Coaching als „sehr hoch“ ein. Noch seien fächerübergreifende Coachings nicht so bekannt wie Nachhilfe, aber sie hofft, dass sich das Konzept durchsetzen wird. An einigen Schulen gäbe es bereits Lern-Coachings, flächendeckend allerdings nicht. „Eigentlich sollte schon in der Grundschule vermittelt werden, wie man das Lernen lernt. Aber in unserem derzeitigen Bildungssystem passt das nicht, es fehlen Ressourcen und Strukturen. Auch der Betreuungsschlüssel ist dafür nicht ausgerichtet. In der Schule kann deswegen derzeit eine solch individuelle Betreuung nicht geleistet werden.“

Auch für Eltern da

Obwohl das Coaching erst vor wenigen Tagen gestartet ist, überlegt sie, das Angebot noch auszubauen. Dabei möchte sie sich vor allem auf die sogenannten Internationals konzentrieren, also Personen, die – aus unterschiedlichen Gründen – aus einem anderen Land nach Deutschland gekommen sind und hier lernen müssen. Aber auch auf Eltern, die beispielsweise studieren oder pflegen, möchte sie sich konzentrieren, ebenso wie auf chronisch Kranke. „Gerade bei letztgenannten ist viel Nachholbedarf. Wer eine ‚unsichtbare Krankheit‘ wie eine chronische Autoimmunkrankheit hat, braucht oft Unterstützung, weil viele Betroffene trotz Einschränkungen, Krankheitsschüben oder Arztterminen, versuchen müssen oder auch wollen, in gleicher Zeit dieselbe Leistung zu bringen wie gesunde Menschen.“

Mit ihrem Lern-Coaching möchte sie einen Teil zur Lösung von vielen Lern-Problemen beitragen. „Als Schüler hört man oft: Mach erst deine Hausaufgaben, dann kannst du Spaß haben. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Aber ich würde gern dazu beitragen, dass eben das Lernen auch zum Vergnügen wird.“