Altengrabow/Burg l Es gibt sie wirklich, die Idylle pur. Urige Erlen-Eichenwälder direkt an der Gloine. Ein unberührter Wald fernab der Dörfer. Schwarzkittel können hier seelenruhig suhlen, Rehe finden an den Jungtrieben genügend Äsung und das Wasser bietet ein Mekka für viele Insekten. Aber der Herr in diesem Zuhause ist ein anderes Tier – der Biber. Würde man ihn mit einem Menschen vergleichen, wäre er so etwas wie ein Architekt, so aber ist er ein tierischer Baukünstler, der mit kleinen Dingen etwas Großes vollbringt. Und das mit einer Genauigkeit, die frappierend ist. Hier an dem Gewässer mit seinen unterschiedlichen Breiten hat er sein Können als routinierter Landschaftsgestalter derart unter Beweis gestellt, dass ein Besucher zwangsläufig ins Staunen kommen muss. Auch deshalb, weil der Biber in diesem Stück Waldgebiet, das zum Truppenübungsplatz Altengrabow gehört, tatsächlich auch Biber sein darf und die zentimetergenau aufgeschichteten Dämme und Burgen als Beispiele seines Könnens gern mal inspiziert werden. Wenn er dort einzelne Bäume nach und nach fällt, stört das niemandem. Im Gegenteil. „Der Biber ist Teil des ökologischen Systems und streng geschützt“, sagt Rainer Aumann. Der Leiter des Bundesforstes Nördliches Sachsen-Anhalt hat in seinem Berufsleben schon „manche Wunderwerke“ der pelzigen Nager gesehen, die Meisterstücke im Jerichower Land sind immer wieder am beeindruckendsten.

Schon der erste Damm ist ein Kaliber sondergleichen. Am Rande der Gloine sind noch die Pfade zu sehen, auf denen der Biber die zuvor gefällten kleineren oder dickeren Bäume angeschleppt hat, um den Fluss ein erstes Mal anzustauen. Wie erwartet mit einer ungewöhnlichen Akribie und dank seiner Kellen und kräftigen Zähne. „Die Beißkraft liegt bei 120 Kilogramm pro Quadratzentimeter“, erläutert Norman Meyer, Sachbearbeiter für Naturschutz im Bundesforst. Und weil der Biber, obwohl er oft plump wirkt, in Wirklichkeit ein agiles Kerlchen ist, funktioniert seine Herangehensweise: Auf der einen Seite ist ein See mit höherem Wasserspiegel entstanden, auf der anderen Seite fließt die Gloine langsamer weiter. Wer aufmerksam durch den Wald geht, sieht links und rechts des Flusses, dass die Biberfamilie wohl nie Pause macht, denn frische und ältere Fraßstellen wechseln sich ab und manche Bäume werden nur noch wenige Tage oder Wochen kerzengerade stehen. In diesem Revier ist es ausdrücklich erlaubt. Die aufgestauten Bäume sterben nach und nach ab. „Sie sind bis zum Zusammenbrechen wertvolle Lebensräume für höhlenbrütende Vögel und viele Insekten-, Pflanzen- und Pilzarten. Da sich die Bäche in einem großen, geschlossenen Waldbereich befinden, ist der wirtschaftliche Schaden verkraftbar“, sagt Meyer. Auch die militärische Ausbildung wird nicht beeinträchtigt, da sich die Bachläufe außerhalb der Übungsareale der Soldaten befinden.

Der Biberpfad führt weiter an der Gloine entlang. Dort, wo der Grundwasserspiegel noch höher als anderswo ist und lehmhaltiger Boden die Feuchtigkeit hält, erwacht die Natur langsam. Das Pfeifkonzert der munteren Vogelwelt unterstreicht die neue Jahreszeit. Einige hundert Meter weiter hat sich die Biberfamilie eine Behausung geschaffen, die es so wahrscheinlich nur noch selten gibt. Am Rande einer Wiese ist eine mannshohe Burg erbaut worden, die manch einer für eine Bude halten würde, die Kinder zusammengestapelt haben könnten. Nein, hier hat der Vegetarier auf vier Pfoten ganze, ja perfekte Arbeit geleistet. „Eine Art I-Tüpfelchen“, staunt auch Rainer Aumann zufrieden. Zum Schutz vor Feinden liegt der Eingang allerdings immer unter Wasser und ist deshalb nicht sichtbar. Das ist auch für die Jungen von Vorteil, die zwischen April und Mai zur Welt kommen. Während die Biberfamilie in diesem Teil des Landkreises willkommen ist, bereitet sie anderswo echte Probleme.

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Große Schäden in der Elbtalaue

Zum Beispiel in Burg, wenn die Ihle wieder einmal angestaut wird und durch die Stadt kaum noch Wasser fließt, oder aber in den Elbtalauen beidseitig zwischen Rogätz im Nachbarlandkreis Börde und Parey. Dort wurden vor etwa 20 Jahren auf den völlig kahlen, ehemaligen Elbübersetzstellen der sowjetischen Streitkräfte neun Hektar der ursprünglich flächendeckend vorhandenen Auenbewaldung in mehreren Abschnitten wieder aufgeforstet. „Denn Auenwald ist sehr selten geworden und aus ökologischer Sicht hochwertvoll. Es war eine Ausgleichs- und Ersatzmaßnahme des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Magdeburg, die vom Bundesforst ausgeführt wurde und laut Elbaueninstitut die erste Elbauenwaldwiederbegründung überhaupt“, erinnert sich Aumann. Stieleichen, Ulmen, Weiden und Schlehen wurden wegen des tonhaltigen und harten Bodens in einem aufwändigen Verfahren in den Boden gesetzt. Die Mühen lohnten sich: Die Jungbäume überstanden mehrere Hochwasser und Überflutungen – bis der Elbebiber Einzug hielt. Er fällte zahlreiche Eichen und sorgte sogar für etwa ein Hektar große Blößen. „Wir mussten schnell einen Kompromiss finden, um noch größere Schäden zu vermeiden“, sagt der Leiter des Bundesforstes. So wird ein Großteil der Bäume jetzt mit so genannten Drahthosen geschützt.

Damit der Biber trotzdem auf seine Kosten kommt, kann er im Umfeld an diversen Strauch- und Baumweidenarten seinen Hunger stillen. Die treiben nach dem Verbiss wieder aus – und der Baumeister kann sich über ausreichend Nestmaterial freuen.