Burg l Das Gebäude in der Bruchstraße 20/21 spiegelt die Geschichte Burgs auf besondere Weise wider. 1927 erbaut war das Wohnhaus des Lederhandschuhmachers und Fabrikanten Wilhelm Krocker. In weiten Teilen etwas herrschaftlich gehalten, war es letztlich auch ein Zeichen gewissen Wohlstandes für den Mittelstand. Immerhin: Die Entwicklung Burgs ging in seiner Blütezeit eng mit der Lederwarenherstellung einher und sicherte hunderte Arbeitsplätze. Noch 1938 gab es in Burg elf Lederhandschuhfabriken mit mehr als 100 Beschäftigten, darunter auch Wilhelm Krockers und Söhne. Später war das Gebäude nicht mehr im Privatbesitz, aber Tausende Burger gingen über Jahrzehnte dort ein und aus. In der Kreisvolkshochschule stand zu DDR-Zeiten die Bildung im Mittelpunkt. Bis 2011.

Nach einem trostlosen Dasein erwarben Gundula und Thomas Illig aus Hohenseeden vier Jahre später das denkmalgeschützte Haus mit seinen mehr als 400 Quadratmetern Fläche und investieren seitdem Schritt für Schritt, um es in ein Wohn- und Bürogebäude zu verwandeln, ohne die einzigartige Historie mit der Moderne abzustreifen. Im Gegenteil. Mit dem Abriss des Nachbargebäudes unter anderem für einen zweiten Fluchtweg ist auch der Giebel der Villa frei für ein besonderes Projekt, das der Altstadt ein besonderes Flair geben soll – ähnlich wie das Wandbild von Brigitte Reimann in der Bahnhofstraße. Das Ehepaar will der Stadt „etwas zurückgeben“ und mit der Gestaltung an der zentralen Verkehrsachse einen besonderen Hingucker schaffen. Und das mit Hilfe von fachkundigen, heimatverbundenen Burgern sowie Kommunalpolitikern und ausgewiesenen Experten. Letztere haben Gundula und Thomas Illig mit den Architekten Andreas und Theo Wunderlich aus Berlin gefunden. Mit ihrer Firma Creative Stadt haben sie ihre Handschriften in ganz Deutschland hinterlassen und sollen nun auch in Burg Akzente setzen. „Unsere Projekte setzen wir nahezu immer mit den Menschen vor Ort um. Nur so entsteht Akzeptanz“, erläutert Andreas Wunderlich während eines Workshops. Dass er zuvor mit seinem Sohn die Entwicklung der Stadt erforschte und sie kennen lernte, gehört zu ihren Hausaufgaben.

Welche Motive soll nun der Giebel der Krocker-Villa enthalten und was ist besonders typisch für die Stadt und ihre Entwicklung? Natürlich Krocker selbst. Genauso wie Schuhfabriken als Teil der Lederwarenherstellung. Aber auch die preußische Militärgeschichte, die Zeit des Expressionismus, das Burg-Theater, Knäckebrot und die Volkshochschule sollten vereint werden. Dagegen war sich die Runde einig, bekannte Bezeichnungen wie Stadt der Türme, auf den Roland, Trommler von Burg oder die Grünanlagen zu verzichten.

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Erste Ideen erarbeitet

Die ersten Ideen und Anregungen werden nun bis zu einem weiteren Workshop verarbeitet. „Die Wandkünstler werden dabei auch verschiedene zeitliche Ebenen ineinander fließen lassen. Wir wollen einen Aha-Effekt schaffen, bei dem erst auf den zweiten Blick klar wird, dass es ja gar nicht echt ist“, verspricht Andreas Wunderlich. Diesen Anspruch hegen auch die Bauherren des Projektes, die damit auch finanziell in Vorleistung gehen und gern den einen anderen Akteur mit ins Boot holen möchten. Bürgermeister Jörg Rehbaum (SPD), der das Vorhaben unterstützt, will prüfen lassen, inwieweit Mittel über den Stadtumbau einfließen kann.

„Das ist zweifellos ein besonderes Vorhaben. Es fügt Historie und Gegenwart zusammen und wertet diesen Bereich Burgs weiter auf.“ Auch Stadratsvorsitzender Markus Kurze (CDU) sieht die Möglichkeit, auf die unterschiedlichsten wirtschaftlichen Epochen Burgs hinzuweisen. „Wenn man Ideensammlung und die Referenzen sieht, bin ich schon jetzt begeistert.“ Heimatvereinsvorsitzende Karin Zimmer erinnert daran, dass Burg mit und an der Ihle gewachsen ist. „Der Standort der Villa Krocker bietet sich ideal für einen geschichtlichen Streifzug an.“