Gerwisch l Genüsslich isst ein blonder Junge mit Lockenkopf ein Eis. Der Mund ist verschmiert. Einst nahm dieses Bild Ralf Stenger, Geschäftsführer des Unternehmens Stenger Waffeln, auf. Im Italienurlaub fotografierte er seinen dreijährigen Sohn beim Eisgenuss. Fünf Jahre später ist diese Momentaufnahme ein Werbebild der Fabrik mit Sitz in Gerwisch (Jerichower Land). In Dauerschleife werden hier Eiswaffeln produziert, die Eisfans im Sommer durch Parks und Gärten tragen.

Schon bevor man die Produktionshallen betreten und das Bild des Jungen sehen wird, duftet es im Umfeld der Produktionsstätte in Gerwisch nach den süßen Waffeln. Seit 2012 produziert das Traditionsunternehmen im Jerichower Land zahlreiche verschiedene Eistüten sowie Waffelprodukte für Eisdielen, Einzelhandel und Großverbraucher. Alle Produkte aus dem Sortiment laufen ausschließlich in Gerwisch im 24-Stunden-Betrieb vom Band.

Waffelbacken in riesigen Dimensionen

Bis die fertige Waffeltüte an die Eisdiele gelangt, sind in Gerwisch viele automatisierte Vorgänge und Handgriffe nötig. „Eigentlich ist es wie beim Waffelbacken Zuhause – nur eben in größeren Dimensionen“, sagt Ralf Stenger. Herzstück der Produktion ist eine riesige Mischeranlage, in der der Teig entsteht. Hauptrohstoffe für die süßen Produkte sind Mehl und Zucker, die regional bezogen werden. Dieser wird auf die Waffelplatten - ähnlich dem heimischen Waffeleisen – aufgetragen.

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Nach einer Minute bei 150 bis 180 Grad Celsius kommen fertige Waffelplatten heraus, die anschließend – je nach Produkt – weiter verformt werden. Für Eistüten wird die Waffelplatte auf sogenannte Dornen, eiserne Kegel, aufgewickelt. Diese sind nicht nur unterschiedlich im Durchmesser, sondern auch in der Karierung. Ob groß- oder kleinkariert hängt vom Geschmack des Kunden ab. Heraus kommen fertige Eistüten, die durch eine anschließende Kühlung erstarren. Am Ende der Produktionskette kontrol-lieren Mitarbeiter die Waffeln und verpacken sie. Insgesamt 1,5 Millionen Waffeln entstehen so täglich in Dauerschleife.

Familienunternehmen in dritter Generation

Mindestens alle 24 Stunden isst auch Ralf Stenger, der das Unternehmen in dritter Generation führt, laut eigenen Angaben Waffeln. „Wenn man in so eine Familie hineingeboren wird und vom Vater sanft in die Position geschoben wird, hat man keine Chance“, sagt der studierte Betriebswirtschaftler und schmunzelt. Seit 1994 hält er die Zügel des 90-jährigen Unternehmens in der Hand. Dabei findet die Produktion in Gerwisch statt, Vertriebsstandort ist Mayen (Rheinland-Pfalz). Mit diesen beiden Firmensitzen stellt sich das Unternehmen dem Konkurrenzkampf in Deutschland.

Das schwierige an der Produktion: „Für die Waffel als alleinstehendes Produkt interessiert sich der Verbraucher nicht. Erst in Verbindung mit Lebensmitteln wie Eis erfüllt es seinen Zweck.“ Dadurch fristen die Waffelproduzenten ein Nischendasein und können kaum mit ihrer Marke bekannt werden. Gegessen wird, was an der Eisdiele angeboten wird.

Eiswaffeln in Schwarz-Rot-Gold

„Wir stellen ein Nischenprodukt her, aber wir sind überall dabei“, sagt Ralf Stenger. Philosophie ist eine breite Produktpalette. Knapp 40 Eistüten in verschiedenen Größen und Durchmessern werden in Gerwisch produziert. Hinzu kommen Portionsbecher, Eiswaffeln für die Dekoration und einzeln verpackte Kekse. Beliefert werden neben der Eisdiele von nebenan unter anderem Großhändler, aber auch Discounter. Ein Werksverkauf wird für die Kunden in der Region angeboten. Das Unternehmen exportiert außerdem Produkte nach Mitteleuropa – in Länder wie Italien und Frankreich, wo das Eis einen besonderen Stellenwert hat.

Für die sommerliche Eiszeit hat das Unternehmen Waffeltüten im Angebot, die deutschlandweit einzigartig sind. Diese sind am oberen Rand mit einer Schokoladenschicht und Haselnüssen, Pistazien, Kokosflocken oder Himbeerstücken verziert. Außerdem werden in den Produktionshallen farbige Waffeln produziert – für die anstehende Fußball-Weltmeisterschaft zum Beispiel in den Farben Schwarz-Rot-Gold. Fans des 1. FC Magdeburg, dessen Sponsor die Stenger Waffeln sind, können farbbedingt eher weniger auf Eistüten in den Vereinsfarben hoffen.

Holpriger Start in Gerwisch

Um den Bedarf in den Sommermonaten zu decken, werden die Waffeln bereits im Herbst für das kommende Jahr produziert. Eine schwierige Wetterlage wie 2017 verhagelt den Waffelproduzenten die Gewinne. „Den schlechten Sommer 2017 haben wir am geringen Umsatz zu spüren bekommen“, so Ralf Stenger. Und auch die Wetterlage im März dieses Jahres sorgte nicht gerade für Jubelsprünge bei dem Geschäftsführer.

Besser war das Wetter beim Produktionsstart der Waffelfabrik in Gerwisch im Jahr 2012. Trotzdem verlief der Start holprig. Zwei Monate verzögerte sich die Produktion durch einen insolventen Zulieferer. Drei Monate nach dem Start stoppten Prüfer des Landkreises die Produktion wegen baulicher Mängel. Dabei waren zwei Produktionsbereiche nicht wie vorgeschrieben durch Trennwände voneinander separiert.

Ohne Fachkräfte stehen die Maschinen still

„Der Start in Gerwisch verlief schwieriger, als ich gedacht hätte“, sagt der Geschäftsführer. Der Fachkräftemangel sei ein Problem, das sich von der Werkseröffnung vor sechs Jahren bis heute zeige. Je nach Auslastung sind zwischen 35 und 70 Saisonkräfte in der Produktion tätig. Fehlen diese, stehen die Maschinen still – eine Katastrophe für das Unternehmen.

„Die Region ist für uns Pro und Contra zugleich“, bilanziert Ralf Stenger. Die Anbindung sei gut, das Werk arbeite gewinnbringend, aber die Rekrutierung neuer Mitarbeiter sei schwierig. Die Hoffnung des 55-Jährigen liegt nun – geschäftlich und privat – auf dem Wetter: „Wir hoffen auf einen guten Sommer 2018. Wir brauchen doch alle Sommer.“