Niegripp l Seit 100 Jahren steht die Niegripper Schule an der Hauptstraße. Im damals üblichen Stil haben die Bauherren das Schulhaus mit mächtigen Mauern aus roten Klinkern erbauen lassen. Die Mauern überstanden das Jahrhundert klaglos. Erst seit einigen Wochen durchziehen Risse die dicken Wände.

900 Meter unter der Erde

Dass sich der Boden bewegt, ist auch Sabine und Guido Müller klar. In der Lindenstraße bewohnen sie ein älteres Haus. Anfang der 1950er Jahre wurde es gebaut, sagt Guido Müller. In den vergangenen Wochen, zeigt er an der Fassade, haben sich Risse gebildet. „Der Riss geht vom Boden bis unter das Dach“, deutet er auf die feine schwarze Linie, die sich unregelmäßig durch das Mauerwerk zieht. „Ich werde im Sommer das Fundament verstärken“, plant er. 900 Meter unter der Lindenstraße arbeiten sich die Mitarbeiter von K+S durch das Gestein. Vor Jahrmillionen trocknete hier ein Ozean aus. Zurück blieb das heute begehrte Salz. Mit brachialen Methoden wird es aus dem Gestein geholt. Dreimal täglich, mitunter auch noch öfter, wackelt die Erde in Niegripp.

Neulich, sagt Sabine Müller, habe es einen richtig lauten Knall gegeben. „Wir lagen schon im Bett. Das Sprenggeräusch war laut, die Gläser im Schrank haben deutlich hörbar geklirrt.“ Bis von wenigen Tagen wurden die Niegripper zuverlässig morgens um 5 Uhr von Montag bis Sonnabend geweckt. Zu diesem Zeitpunkt erfolgte die erste Sprengung unter Tage. „Stellen Sie sich bitte vor, dass sie jeden Morgen um 5 Uhr gegen ihren Willen durch einen lauten Knall geweckt werden, und zusätzlich schüttelt sie jemand noch in ihrem Bett durch. Das alleine verstößt gegen die Lärmschutzverordnung und gegen die Nachtzeitschranke resultierend aus dem Bundesimmissionsschutzgesetz“, schreibt Kerstin Brandt an die Lokalredaktion.

Bilder

Auf Nachfrage der Volksstimme räumt das zuständige Landesamt für Geologie und Bergwesen (LAGB) ein, dass sich Bürger über die wahrnehmbaren Erschütterungen bei der Behörde beschwert haben. Sprecher Bodo-Carlo Ehling teilt weiter mit: „Folgende Regelungen wurden vom Bergbauunternehmer realisiert: a) Die Sprengungen im Raum Niegripp wurden morgens um 5 Uhr eingestellt. b) Zeitgleich wurde von Kurzzeitzündern auf Langzeitzünder umgestellt, dies bewirkt eine zeitliche Entzerrung der Einzelsprengungen und verhindert eine Überlagerung und damit Verstärkung der Erschütterungen. Allerdings werden die Sprengungen in bestimmten übertägigen Bereichen, so auch in der Ortschaft Niegripp, bis auf weiteres wahrnehmbar bleiben.“

Seit einigen Tagen, bestätigen die Anwohner der Lindenstraße, spüren sie die morgendliche Sprengung erst gegen 6 Uhr. Um die Auswirkungen der Erschütterungen zu bestimmen, sollen nun neue Messungen der Erschütterungen an der Erdoberfläche erfolgen, teilte das LAGB mit.

Zusammen mit dem Ortsbürgermeister suche die Behörde nach einem geeigneten Messort.

Einwohnerversammlung

Wie sich die Bürger bei möglichen Schäden an ihren Gebäuden verhalten sollen, auch darauf antwortet die Landesbehörde: „Sollte der Bergbaubetrieb eine Sache beschädigen (z. B. Risse an einem Gebäude), dann ist durch den Bergbauunternehmer für den daraus entstandenen Schaden Ersatz zu leisten. Ob die Schäden im Einzelfall durch den Bergbaubetrieb entstanden sind, bleibt einer Überprüfung vorbehalten. Die Geschädigten sollten ihre Ansprüche gegenüber dem Bergbauunternehmer direkt geltend machen. Es ist an dieser Stelle aber auch auf die Regelungen des § 110 BBergG zu möglichen Anpassungspflichten der Bauherren an die Auswirkungen des Bergbaus hinzuweisen. Dies betrifft insbesondere die Bauherren der jüngeren Vergangenheit. Auch hier ist eine Einzelfallbetrachtung notwendig.“

Risse in ihren Häusern sehen nicht nur die Eigentümer älterer Gebäude in der Elbortschaft. Bewegungen in den Wänden bemerken ebenso Eigentümer neuer Gebäude, die erst weit nach dem Mauerfall entstanden sind.

Bis Ende kommenden Jahres soll der Abbau noch weitergehen. So lange sei der Hauptbetriebsplan genehmigt. Ob es danach einen weiteren Abbau von Hartsalzen unter dem Ort geben wird, wie das Unternehmen bereits ankündigte, ist noch offen.

Auf die Frage nach einer Genehmigung antwortet das LAGB: „Nein, einen zugelassenen Hartsalzabbau für Bereiche unter der Ortschaft Niegripp gibt es bisher nicht. Die K+S KALI GmbH prüft derzeit die Möglichkeiten eines Hartsalzabbaus im Bergwerk Zielitz und verfügt in diesem Zusammenhang über die Genehmigung für die Auffahrung eines Versuchsfeldes zur Erlangung geologischer und geomechanischer Kenntnisse und zur Erprobung eines möglichen untertägigen Abbaus von Hartsalz.“

Ortsbürgermeister Karl-Heinz Summa hat für den Montag die Bürger seiner Ortschaft zu einer Einwohnerversammlung eingeladen. Im Sportlerheim will er ab 18 Uhr mit Vertretern des Bergbauunternehmens und den Einwohnern über die Arbeiten unter Tage sprechen. Die Bürger hätten viele Fragen rund um den Bergbau unter dem Ort. Nicht wenige sehen durch den Bergbau die Lebensqualität deutlich eingeschränkt. Sie wollen wissen, was das Unternehmen unternimmt, um die Auswirkungen auf die Niegripper so gering wie möglich zu halten. Daneben wird es auch um die vermuteten Bergbauschäden gehen.