Biederitz l Stefan Bruns war viele Jahre lang als Schulleiter mit zahlreichen Lehrpersonen und Tausenden Schülern tätig. „Eigentlich war ich da schon täglich eine Schiedsperson“, erinnert er sich. Dann ging er in den Ruhestand, aber schon nach einem Jahr hatte er das Bedürfnis, einer sinnvollen Aufgabe nachzugehen. „Dann sah ich die Ausschreibung der Gemeinde, dass eine Schiedsperson gesucht wird, und ich habe mich beworben“, erklärt er. Er war allerdings die einzige Person, die sich um dieses Ehrenamt beworben hatte. „Es wirkt wohl nicht so attraktiv auf viele Leute, sich mit den Streitigkeiten anderer auseinanderzusetzen“, überlegt er. Er hat allerdings große Freude an der Lösung von Konflikten und kann auch eine hohe Erfolgsquote vorweisen: „Alle bisherigen Fälle konnte ich zu 100 Prozent lösen.“

Eine Schiedsperson hat in vielen Fällen mit dem Nachbarschaftsrecht zu tun. „Es kann auch mal vorkommen, dass das Strafrecht relevant wird, wenn es beispielsweise um Beleidigungen geht oder wenn der Hund des einen Nachbar den anderen gebissen hat“, erklärt Bruns. Die Hauptaufgabe von Schiedspersonen ist es, die Gerichte zu entlasten – und dass die Beteiligten sich friedlich einigen. „Ich habe sozusagen die Aufgabe des Moderators und des Schlichters. Wenn die Schlichtung erreicht ist, wird ein Vergleich geschlossen und die Parteien einigen sich. Der Vergleich ist bindend. Wenn sich dann eine Partei nicht daran hält, kann es zu einer Vollstreckungsklausel beim Amtsgericht kommen“, erläutert Bruns die Rahmenbedingungen seiner Arbeit. Eine Schiedsperson wird für fünf Jahre berufen und ist ehrenamtlich tätig.

Als er seine Tätigkeit aufgenommen hatte, hatte er zunächst keine Fälle. „Ich war fast etwas enttäuscht, ich wollte doch eine neue Aufgabe“, lacht er. Doch plötzlich lagen acht Fälle auf seinem Schreibtisch. „Dann hatte ich plötzlich doch recht viel zu tun, aber es macht mir ja auch Spaß und ist eine Herausforderung.“ Bereut hat er seine Entscheidung, Schiedsperson zu werden, jedenfalls nicht. „Das ist auf jeden Fall eine interessante und abwechslungsreiche Aufgabe“, so Stefan Bruns.

Streit unter Nachbarn

Am meisten beschäftigt er sich mit sogenannten Gartenzaunstreitigkeiten. „Da wächst die Hecke über den Zaun, dort macht der Rasensprenger die Garage des anderen nass“, nennt er einige Beispiele. Ihm ist aufgefallen, dass viele der streitenden Parteien vor dem Konflikt befreundet waren, dann aber wegen einer Auseinandersetzung nicht mehr miteinander reden. „Wenn ich dann mit den Beteiligten rede, merke ich, dass die Fronten schon länger verhärtet sind und die Chemie nicht stimmt.“ Aber oft ist der aktuelle Konflikt gar nicht die Ursache für die Streitigkeiten. „Oft geht es gar nicht um die zu hohe Hecke. Manchmal liegt der Konflikt schon lange zurück und dann kommt bei den Schlichtungsgesprächen alles raus, was sich schon lange angestaut hat.“ Wichtig ist dann, den grundlegenden Konflikt, der manchmal Jahre oder Jahrzehnte zurück liegt, zu finden und aus der Welt zu schaffen. „Ich frage dann, ob man nicht alles erstmal wieder auf Null setzen kann und von vorne anfängt.“ Bruns hat oft die Erfahrung gemacht, dass viele Streitende im Grunde eine neutrale Person brauchen, die sie in ihrem Umfeld möglicherweise nicht haben. „Am einfachsten wäre es oft, wenn die Parteien miteinander reden würden, aber aufgrund eines Missverständnisses, eines Streits oder einer Verletzung machen die Leute das nicht mehr und projizieren das dann auf die zu hohe Hecke oder den Strauch, der durch den Zaun wächst.“ Er hört den Parteien genau zu, versucht den Kern des Konflikts zu finden und dort anzusetzen. „Und ich denke, das ist der Schlüssel zu meinem Erfolg.“

Viel Lärm um Hühner

Obwohl er alle seine Fälle als spannend und interessant empfindet, ist ihm ein Streit, der sich um Hühner drehte, besonders im Gedächtnis geblieben. „Ein älterer Herr hält sich einige Hühner und züchtet diese auch. Dann hatte er einige Hähne, die sich als Konkurrenten ansahen und ziemlich viel Krach verursachten. Die Nachbarn störten sich daran nicht, bis auf eine Nachbarin, die von den Geräuschen immer aufwachte. Der Fall landete dann bei mir und letztlich konnten wir das lösen, indem jetzt nur noch ein leiser Zwerghahn bei dem Hühnerzüchter lebt“, erinnert er sich.

„In Berlin heißen Schiedspersonen Friedensrichter, und ich finde, das ist sogar die passendere Bezeichnung, denn das ist im Grunde ja meine Aufgabe: Ich soll für Frieden sorgen.“