Biederitz l Sie sei „völlig mit den Nerven fertig“, erklärt Melanie Bierdümpfl aus Gübs. Sie hat sich in einem Brief an die Volksstimme gewandt. „Ich muss mich einfach an die Öffentlichkeit wenden, da ich als Mutter auch agieren muss. Es ist schon öfter vorgekommen, dass es bei der Schülerbeförderung Probleme gab, aber nun sind wir als Familie selber betroffen.“ Sie ist Mutter eines achtjährigen Jungen.

Am Montag geht der Junge in der kleinen Ortschaft der Gemeinde Biederitz wie so oft morgens zum Bus, um zu seiner Grundschule nach Biederitz zu fahren. Zurzeit, während des Lockdowns, fährt er zur Notbetreuung, die Eltern in Anspruch nehmen können, wenn sie in bestimmten Berufen arbeiten und deshalb die Betreuung ihres Schulkindes während der Zeit der strengen Eindämmungsmaßnahmen nicht gewährleisten können.

Grundschüler weiß nicht, was er tun soll

Als der kleine Mann am Montag, gegen 7 Uhr, merkt, dass er in den falschen Bus gestiegen ist, geht er nach vorne zum Busfahrer und sagt ihm Bescheid, dass er sich im Bus geirrt hat, wie die Mutter berichtet. Der Fahrer setzt ihn daraufhin an der nächsten Bushaltestelle ab. Die befindet sich im Nachbarort von Gübs, in Menz. Das ist nicht die Richtung, in die der Junge muss, es ist die entgegengesetzte Richtung. Zwei Dörfer von seinem Ort entfernt, weiß der Junge nun nicht, was er jetzt machen soll.

Melanie Bierdümpfl erfährt gegen 9 Uhr von dem Vorfall. Der Schuldirektor ihres Sohnes habe sie angerufen und ihr gesagt, dass der Achtjährige gerade zu Fuß in der Schule eingetroffen sei. Sie ist entsetzt: „Es war 7 Uhr, dunkel bei minus zwei Grad.“ Weil ihr Sohn nicht gewusst habe, wo er hinsollte, da er sich in Menz nicht auskennt, sei er instinktiv an der Hauptstraße entlang die acht Kilometer bis nach Biederitz zur Schule gelaufen.

Mehrere tausend Lkw und Autos täglich

Es ist in weiten Teilen die vielbefahrene Bundesstraße 184, die der Junge hier entlang marschiert. Täglich fahren dort mehrere Tausend Lkw und Autos entlang. An einer Stelle gibt es hier noch nicht einmal einen straßenbegleitenden Rad- oder Fußweg.

Darf ein Busfahrer denn ein Schulkind einfach so an einer Haltestelle rauslassen, ohne sich weiter darum zu kümmern?

Einsatzleitung kümmert sich um solche Fälle

Daniela Kramper ist Leiterin des Verkehrsbereiches der zuständigen Nahverkehrsgesellschaft Jerichower Land (NJL). Der Fall sei dem Unternehmen bekannt und er sei dokumentiert worden, sagt sie der Volksstimme auf Anfrage. Die Busfahrer seien in solchen Fällen verpflichtet, die Einsatzleitung zu informieren und die weitere Vorgehensweise abzustimmen. „Oft können die Kinder einem Anschlussbus übergeben werden und gelangen so an ihr eigentliches Ziel. Sollte dies nicht möglich sein, kümmert sich die Einsatzleitung um die Beförderung des Kindes zum Zielort“, erklärt Kramper.

Die Leiterin des Verkehrsbereiches der NJL sagt auch, Kinder dürften nicht einfach an der nächsten Haltestelle abgesetzt werden. Es müsse eine, wenn nötig individuelle, Beförderungsmöglichkeit gesucht werden, sodass die Schulkinder ihr eigentliches Fahrziel auch erreichen.

Warum dies nicht geschehen ist, kann Melanie Bierdümpfl nicht verstehen. „Wie kann so etwas passieren, ein kleines Kind einfach auszusetzen? Ich bin fassunglos, er hätte erfrieren können so einsam und allein im Dunklen.“

Ursachen sollen analysiert werden

Drohen dem Busfahrer nun Konsequenzen? „Grundsätzlich ist es uns wichtig, Vorfälle, welche vom normalen Fahrbetrieb abweichen, intern auszuwerten und somit auch die Ursachen zu analysieren. Sollten Verstöße gegen Dienstanweisungen oder Vorschriften vorliegen, müssen die Fahrpersonale auch mit angemessenen Konsequenzen rechnen“, sagt Daniela Kramper dazu.

Der Leiter der Grundschule Biederitz, Holger Arnold, ist seit zehn Jahren in der Schule tätig. Er kann sich nicht erinnern, dass ein solcher Vorfall in dieser Zeit schon einmal vorgekommen ist. Er informierte die Mutter vorsichtshalber, weil er nicht sicher sein konnte, ob nicht inzwischen aus irgendeinem Grund nach dem Jungen gesucht wurde. „Im normalen Schulbetrieb wäre das vielleicht gar nicht vorgekommen“, vermutet Holger Arnold. Denn dann stünden die Kinder meist nicht allein an der Haltestelle. Dem Jungen sei es soweit gut gegangen, als er an der Schule ankam, so der Schulleiter.