Burg l Aufregung herrschte bei den Schülerinnen und Schülern der Klasse 8.1 des Roland-Gymnasiums am Freitagvormittag. Sie standen kurz davor, zum ersten Mal ihre Stimme für das EU-Parlament abzugeben – zur Probe. Vorher aber lauschten sie und ihre Klassenlehrerin Katharina Specht aufmerksam, was Katja Treffky vom Kinder- und Jugendtreff „U27“ des Jugendwerks Rolandmühle zu erklären hatte. „Wenn ihr den Stimmzettel gültig machen wollt, macht ein Kreuz“, sagte sie, schilderte dann aber auch, was zu tun sei, um den Stimmzettel ungültig zu machen: mehrere Kreuze, Strichmännchen, Unterschrift auf dem Stimmzettel.

Kein Kinderspiel

Allerdings machte sie auch klar, dass es sich bei einer Wahl nicht um ein Kinderspiel handelt. Wer Einfluss nehmen wolle, müsse auch Teil des Systems sein, also auch wählen. „Wer nicht wählt, darf sich eigentlich gar nicht darüber beschweren, dass ,die da oben‘ nicht das machen, was wir wollen“, fasste sie zusammen. Die Achtklässler wollten wählen, in Zweierreihen stellten sie sich bei Treffmitarbeiterin Gabriele Geisheimer und Praktikant Maximilian Dippmar an, um sich registrieren zu lassen.

Als sie wieder aus der Wahlkabine kam, erzählte Charlotte Wiesner (14), dass sie im Sozialkundeunterricht einiges über die Europäische Union gehört habe. „Sie ist auf jeden Fall sinnvoll“, meinte sie. Das Kreuz auf dem Stimmzettel habe sie allerdings mehr aus einem Bauchgefühl heraus gemacht, sich nicht vorher damit beschäftigt, wer wofür steht, räumte sie ein.

Wahlergebnisse im Internet

Der ebenfalls 14-jährige Luca König findet es sehr wichtig, wählen zu gehen. „So kann man doch die Zukunft mitbestimmen“, meint er. An der Europäischen Union findet er gut, dass man ohne Grenzkontrollen reisen kann und dass es gegenseitige Hilfe, beispielsweise bei wirtschaftlichen Problemen, gibt. Seine Wahlentscheidung hat er nicht nach Gefühl getroffen, sondern sich vorher mit den Standpunkten der Parteien beschäftigt.

Streetworkerin Katja Treffky war recht zufrieden mit der Resonanz auf die U18-Wahl. Die deutschlandweite Aktion, die immer neun Tage vor einem Wahltermin stattfindet, wird vom Deutschen Kinderhilfswerk und dem Deutschen Bundesjugendring unterstützt. „Ich habe gemerkt, dass bei den Jugendlichen draußen die Bereitschaft nicht sonderlich groß ist, über Politik zu reden“, sagte sie im Gespräch mit der Volksstimme. Allerdings gehöre das Thema manchmal eben auch zu ihrer Arbeit, vor allem wenn es um radikale Positionen, ums Verstehen von bestimmten Handlungen, geht. Besonders wichtig ist ihr aber, dass mit der Aktion auf die Jugendlichen zugegangen werde. So machte die fliegende Wahlurne außer im Roland-Gymnasium am Freitag auch Station in der berufsbildenden Schule „Conrad Tack“, auf dem Gummersbacher Platz und im Jugendtreff. Die Wahlergebnisse sind ab heute unter www.u18.org zu finden.

Idee entstand in Berliner Jugendklub

Es war bereits das dritte Mal, dass das Jugendwerk eine U-18-Wahl organisierte, zuvor konnten die Kinder bei der Bundestags- und der Landtagswahl probeweise mitmachen. „Ich finde das eine coole Plattform, die die Jugendlichen an das Thema Wahl heranführt“, sagte Treffky. Sie selbst sei vor ihrer ersten Wahl ganz aufgeregt gewesen.

Idee kam 1996 auf

Die Idee zu U 18 entstand 1996 in einem Jugendclub in Berlin, wo eine Gruppe Kinder und Jugendlichen keine Lust mehr hatte, von Prozessen der Meinungsbildung, politischen Diskussionen und Wahlen ausgeschlossen zu bleiben. Sie organisierten einfach ihre eigene Wahl, und zwar neun Tage vor der Wahl der Erwachsenen. An dem Zeitabstand ist bis heute festgehalten worden, die Zahl der Wahllokale von einem auf über 1000 gestiegen.