Gommern l „Wir wären ohne Frau Holley komplett allein gewesen“ – Anke Müller (Name von der Redaktion geändert) ist sichtlich bewegt, wenn sie die letzten Monate innerlich Revue passieren lässt. Ihre Tochter Nele (Name geändert) besucht die Grundschule „Am Weinberg“ in Gommern. Bis sie Anfang 2018 plötzlich nicht mehr zu ihren Klassenkameraden in den Unterricht wollte.

Hilflose Eltern

Nele war erkrankt, nichts ernstes, erzählt Anke Müller. Doch als sie wieder gesund war, wollte das Mädchen nicht in ihre Klasse zurück. „Es war richtig schlimm, wir als Eltern wussten nicht mehr, was wir noch machen sollten“, erzählt die 40-Jährige. Eine Trotzphase, so dachten sie. Nele wollte nichts mehr: nicht mehr reiten, nicht mehr turnen – nicht mehr in die Schule. Das Mädchen hatte eine massive Trennungsangst entwickelt.

Hilfe fand Familie Müller bei der Schulsozialarbeiterin der Grundschule: Simone Holley ist dort seit 2015 Ansprechpartnerin für Schüler und auch für die Eltern. Zunächst versuchten sie es mit Kleinigkeiten, wie einem Kissen, das der Schülerin ein sicheres Gefühl vermitteln sollte. Irgendwann funktionierte auch das nicht mehr.

Eine ernste Lage

„Bei einem Treffen auf dem Parkplatz vor der Schule wurde dann klar, wie ernst die Lage wirklich ist“, erinnert sich Simone Holley. Nele saß dort im Auto, ohne Schuhe. Weder ihre Mutter noch die Schulsozialarbeiterin konnten die Schülerin davon überzeugen, in die Schule zu gehen.

„Sie lernt gerade das Abc, wie soll sie das wieder aufholen?“ Das habe sie sich immer wieder gefragt, erinnert sich Anke Müller. Eine schwere Zeit für die Familie – Simone Holley war nicht nur Halt und Stütze für die Schülerin. „Elternarbeit“ nennt sich dieser Teil ihrer Arbeit an der Gommeraner Grundschule. Die 50-Jährige besuchte Nele mehrmals in diesen schwierigen Monaten zu Hause, hielt über Klassenlehrerin Ellen Trost Kontakt zu den Mitschülern, die sogar am Geburtstag von Nele anriefen.

Sofortiges Handeln nötig

„Alle haben gemeinsam an diesem Problem gearbeitet“, so Ellen Trost. Das sei vor allem der Verdienst von Simone Holley gewesen. Diese Zusammenarbeit sei mit das wichtigste, um schwierige Situationen, wie im Fall von Nele, direkt angehen zu können. Durch das Engagement der Schulsozialarbeiterin war es möglich, Nele in kurzer Zeit an eine Kinderpsychologin zu vermitteln. „Gerade solche Fälle erfordern sofortiges Handeln“, weiß die 50-Jährige.

Und gerade das schafften die Pädagogen selbst oft nicht. „Ich habe noch 24 andere Kinder in meiner Klasse, 24 weitere Familien, in denen es hier und da mal Probleme geben kann“, so die Lehrerin. Da habe sie leider nicht die Zeit, sich wie Simone Holley auf einen Fall zu fokussieren.

Ellen Trost selbst ist Kooperationslehrerin an der Grundschule: Sie besucht etwa 1,5 Jahre vor dem eigentlichen Schulbeginn die potenziellen Grundschüler im Kindergarten. Dabei schaut sie, ob sich schon kleinere Probleme abzeichnen und macht sich ein Bild von der Lernausgangslage der Kinder. „Wenn ich Bedenken habe, wende ich mich direkt an Simone Holley“, erzählt die Pädagogin.

Schnittstelle

Für sie ist die Schulsozialarbeiterin die Schnittstelle zwischen Schülern, Eltern und Lehrern. Dazu gehört auch das Feld der thematischen Elternarbeit. „Ich habe mit den Viertklässlern und deren Eltern in diesem Jahr eine Veranstaltungsreihe zum Thema Cybermobbing organisiert“, so Simone Holley. An vier Abenden habe sie mit Unterstützung von Partnern wie der Polizei über das Themenfeld Cybermobbing aufgeklärt.

Manchmal reicht es aber auch, wenn Simone Holley einfach da ist, zuhört. „In einigen Fällen, in denen die Eltern beide sorgeberechtigt sind, aber getrennt leben, ist die Kommunikation nicht immer so einfach“, berichtet die Schulsozialarbeiterin. Dann versuche sie, als neutrale Ansprechpartnerin dabei zu helfen, den Konflikt zu lösen – oder zu mildern.

Nicht immer einfach

Dabei steht immer das Wohl der Kinder im Vordergrund. „Was ich besonders wichtig finde, ist Kontinuität“, erklärt Lehrerin Ellen Trost. Es sei nicht immer einfach, das Vertrauen der Kinder und Eltern zu gewinnen und dauert in einigen Fällen auch mal etwas länger.

„Wenn die Schulsozialarbeiter dann nach zwei oder drei Jahren weg sind, muss die Schule und die neue Ansprechpartnerin wieder bei Null anfangen“, weiß Simone Holley. Sie ist selbst Mutter und arbeite mit ihrem „Muttiherz“, wie sie sagt: Mit und für Eltern und Schüler. Das sei besonders für Nele ganz wichtig gewesen, so Anke Müller. „Sie braucht eine Vertrauensperson, die ihr in der Schule ein Gefühl von Sicherheit vermittelt.“ Und das klappt: Seit einigen Monaten geht sie wieder zur Schule.