Biederitz l Noch etwas verschlafen sitzt Moritz Schanz am Frühstückstisch seiner Eltern. Die blonden Haare verwuschelt, die Stimme heiser. "Ich kann noch gar nicht richtig glauben, was hier gerade alles passiert", sagt er. Seine blauen Augen schweifen durch den Raum. Luftballons liegen dort, vom Wochenende. Moritz ist 20 geworden. Und er hat am Sonnabend den wichtigsten Bandwettbewerb in Sachsen-Anhalt gewonnen. Als "Local Hero" zieht er jetzt ins Bundesfinale am 7. November in Salzwedel ein. "Da spiele ich dann plötzlich vor 1000 Leuten, das ist doch der Hammer", sagt er.

Seine Liebe zur Musik hat Moritz schon im Kindesalter entdeckt. Seit der Grundschule hat er Klavier-Unterricht genommen und beim Staatstheater Kassel im Chor gesungen. Nach dem Umzug von Göttingen nach Biederitz vor sechs Jahren engagierte sich Moritz in der evangelischen Gemeinde. "Bis dahin habe ich tatsächlich nur Klassik gespielt und auch privat gehört", erzählt der Sänger.

In der Jugendgruppe der Gemeinde kam er erstmals in Kontakt mit Popmusik. Schnell stand fest: Wir gründen eine Band. "Rejoice" - Das waren fünf junge Musiker, die sich der christlichen Popmusik verschrieben haben. Zunächst mit Coversongs und dann mit Stücken, die Moritz Schanz selbst geschrieben hat. "Wir haben das mit einer Sängerin im Gottesdienst aufgeführt und ich habe mich dann umgeschaut und gesehen, dass mehreren Leuten die Tränen in den Augen standen", sagt der 20-Jährige. Da habe er dann gemerkt: Hey, ich kann da was.

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Môrre schafft Popmusik mit Dimension

Das Problem mit den selbstgeschriebenen Songs: Die meisten handelten von Liebe und Liebeskummer. "Das ist nicht unbedingt immer das Thema in christlichen Gottesdiensten", sagt Moritz lachend. Für die selbstgeschriebenen Stücke war aber genau das Grundvoraussetzung. "Die guten Lieder entstehen nur dann, wenn du dich krass fühlst." In jedes Stück fließt ein Stück aus dem Leben von Moritz ein. Und das sollen die Zuhörer auch merken. "Wenn das nicht so ist, dann ist es nur ein Abklatsch, Popmusik ohne Dimension", sagt er.

Aus dem Jugendlichen Moritz Schanz wurde nach und nach Môrre, der Singer-Songwriter. Der heute 20-Jährige wurde langsam erwachsen. Abitur, Freiwilliges Soziales Jahr bei der Hoffnungsgemeinde in Magdeburg und seine Freundin - und natürlich die Musik, ohne die Môrre sich sein Leben nicht vorstellen kann. "Als ich dann ein paar Songs zusammenhatte, habe ich die meinen Eltern vorgespielt. Sie sind meine größten Kritiker." Gemeinsam schuf die Familie einen unverwechselbaren Sound. Melancholische Texte auf Deutsch, die auf einem klassischen Klangteppich mit Jazz-Elementen schwimmen. Keine einfache Musik, auch wenn Môrre das gern behauptet. Sie lädt zum Träumen, zum Verweilen ein.

Und das hat auch die Jury beim Bandwettbewerb "Local Heroes" begeistert. Gegen fünf andere Bands hat er sich durchgesetzt. "Ich war vor dem Auftritt völlig verunsichert", erzählt Môrre. Er habe mit niemandem reden können und hat sich zum Einsingen auf die Behindertentoilette der Magdeburger Feuerwache verzogen. Nirgends anders war genug Platz oder Ruhe. Der Plan, den ersten Song nur in Unterhose bekleidet zu singen, hatte der Sänger schon vorher gefasst. "Ich wollte den Leuten deutlich machen, was ich gerade von mir zeige", erklärt er seine Motive.

Halbnackt auf die Bühne

Gefühlt habe er jeden zweiten Akkord dieses ersten Liedes verhauen. "Vielleicht musste ich auch zu so einem drastischen Mittel greifen, um den Leuten das verständlich zu machen." Nach dem ersten Stück zog er sich wieder an. 20 Minuten konnte Môrre spielen und 20 Minuten lang war absolute Ruhe im Saal. Dass er gewinnen könnte, damit hat der 20-Jährige nicht gerechnet. Er war sogar am überlegen, ob er vor der Siegerehrung nach Hause fahren soll. "Wir haben da gefeiert und hatten einen wunderbaren Abend", erzählt er. Die Band "Desperate Confusion" gewann als erstes den Publikumspreis und dann wurde Môrre auf die Bühne geholt. Er dachte zuerst, dass ihm ein Geburtstagsständchen gesungen werden soll. "Die haben mir dann plötzlich das Ding in die Hand gedrückt und gesagt, dass ich gewonnen habe", sagt Môrre. Er konnte nicht glauben, was ihm gerade passiert. Die Freude über den Sieg ist ihm auch Tage später anzusehen.

Auch Tokio Hotel haben einmal so angefangen und den Bandwettbewerb gewonnen. "Ich sehe mich aber noch nicht als fertiger Künstler, der schon auf CD gebrannt werden kann", erklärt Môrre. Er möchte so viel wie möglich lernen und beim Bundesentscheid mitnehmen. Denn am 7. November findet nicht nur der eigentliche Wettbewerb statt, sondern auch zahlreiche Workshops, bei denen die Nachwuchskünstler mit Profis arbeiten.

Vor allem lernen sie, ein Netzwerk aufzubauen, denn das fehlt Môrre zur Zeit noch. "Es kennt mich noch niemand", sagt er. Zwar hat er seit Sonnabend ein paar Fans auf seiner Facebook-Seite hinzugewinnen können. Die Ausbeute ist mit 127 "Gefällt mir" aber noch recht überschaubar.

Der Traum von Môrre: Mit seiner Musik Geld verdienen. Und wenn nicht mit seiner Musik, dann vielleicht mit der Musik von anderen. In ein paar Wochen beginnt der 20-Jährige ein BWL-Studium in Berlin. So schnell wie möglich möchte er sich auf die Musikindustrie spezialisieren. Auftritte gibt es trotzdem weiterhin. Wer Môrre gerne bei sich spielen lassen möchte, kann sich bei ihm melden. Ein Klavier sollte man allerdings zu Hause haben.