Genthin l Es waren die Wirren der letzten Kriegsmonate, als eine junge Belgierin um die Jahreswende 1944/45 im Jerichower Land unterwegs war: Jeanne De Coninck. Während des Zweiten Weltkriegs war sie als Sekretärin für die Todt-Organisation im besetzten Brüssel tätig. Die Organisation war eine paramilitärische Bautruppe des nationalsozialistischen Deutschlands. Zu ihren bekannten Projekten gehörten unter anderem der Ausbau des Westwalls, der Bau von U-Boot-Stützpunkten an der französischen Atlantikküste sowie des Atlantikwalls, wofür vielfach Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge eingesetzt wurden.

Jeanne De Coninck war damals 26 Jahre alt, zum ersten Mal verheiratet – und von diesem Mann getrennt. 1943 verliebte sie sich in einen Buchhalter der Organisation Todt: Kurt Noever aus Mönchengladbach. Er war 15 Jahre älter als sie, Witwer und hatte eine Tochter, Ilse.

Bei Schießerei einen Arm verloren

Kurz vor der Befreiung Brüssels im September 1944 flohen die beiden. In der Nähe vom rund 30 Kilometer entfernten Leuven wurde ihr Konvoi beschossen, möglicherweise von britischen Soldaten, die sich nach der Landung in der Normandie in Richtung Osten vorwärtsgekämpft hatten. Kurt Noever starb vor ihren Augen, sie verlor bei dieser Schießerei einen Arm. Noever, der im Rang eines Gefreiten stand, wurde möglicherweise auf einem belgischen Soldatenfriedhof beigesetzt, ihr gelang die Flucht.

Und die führte sie ins Jerichower Land. Ihr Neffe Johan Ral hat sich auf Spurensuche begeben und hofft auf Antworten. Seine Tante war für ihn ein ganz spezieller Mensch. „Ich hatte eine sehr herzliche Beziehung zu dieser ganz besonderen Tante, die mich immer ermutigt hat“, schrieb er der Volksstimme. „Sie war eine offene, moderne, freigeistige, mutige Frau, die trotz ihres Handicaps, und das in den 50er, 60er Jahren, nie aufgegeben hat.“ Beide teilten eine große Liebe zu Musik und Film. In den 60er und 70er Jahren hatte sie auch eine eigene Filmvertriebsfirma. So ist ihr Neffe auch ein wenig in ihre Fußstapfen getreten, denn neben Journalist und Autor ist er auch Produzent von Dokumentarfilmen.

Lebensgeschichte an Neffen hinterlassen

2006 ist seine Tante gestorben, hatte keine Kinder, hat ihm wie er es ausdrückt, „ihre Lebensgeschichte hinterlassen“. Ein paar Informationen hat Johan Ral über ihre Zeit im Jerichower Land. Unter anderem hat er einen russischen Passierschein mit einem Stempel der Stadt Genthin und der Erwähnung der Gemeinde Burg. Wie sie in Deutschland in der von der Sowjetunion besetzten Zone gelandet ist, weiß er nicht. Er weiß aber, dass sie im Herbst 1944 von einer Familie in der Gegend um Genthin aufgenommen wurde. Er hat Bilder dieser Familie und ihre Vornamen, aber nicht den Nachnamen. Die Mutter hieß Marianne, die Kinder Detlev oder Detlef, Hans-Joachim und Astrid. Der Vater war damals vermisst. Später hatte Marianne einen neuen Lebenspartner namens Georg. „Meine Tante sagte, sie habe viel mit dieser Familie korrespondiert“, fügte Johan Ral hinzu.

Wie seine Tante nach Belgien zurückgekehrt ist, ist ihm nicht bekannt. Aber es gab ein Wiedersehen mit jemandem aus Genthin. 1958 war Detlev/Detlef auf einer Schulreise in der belgischen Hauptstadt und besuchte Jeanne. Gemeinsam gingen sie auf die Weltausstellung. Die Expo 58 in Brüssel war die erste nach dem Zweiten Weltkrieg, ihr weltberühmtes Wahrzeichen ist das Atomium. Nach dieser Begegnung verloren sie sich wohl aus den Augen.

Vorname mit zwei Schreibweisen

Nun hat ihr Neffe die Spurensuche ganz konkret aufgenommen, ist dabei bislang aber noch nicht erfolgreich gewesen. Im Stadt- und Kreisarchiv in Burg konnte man ihm nicht weiterhelfen, weil ihm der Nachname der Familie fehlt, die seine Tante aufgenommen hatte. So musste seine Forschung im Genthiner Standesamt auch erfolglos bleiben. Jetzt setzt er auf die Volksstimme, hofft, die Familie oder deren Nachfahren zu finden.

Hofft auf Antworten auf seine vielen Fragen, etwa, wo seine Tante aufgenommen wurde, wie für sie die Situation in und um Genthin war und schließlich wie sie wieder nach Belgien zurückkam. In seinem Brief an die Volksstimme machte er noch auf eine Besonderheit aufmerksam, die beim Wiedererkennen seiner Tante helfen könnte. „Meine Tante hieß ,Jeanne‘ – aber in der Korrespondenz mit ihren deutschen Bekannten und in offiziellen Dokumenten wird Sie ,Johanna‘ genannt“, schrieb er.

Wer weiß vielleicht mehr über sie?

Wer Johan Ral weiterhelfen kann, wird gebeten, sich bei ihm unter johanral2012@gmail.com zu melden.