Burg l „Es wiegt schwer, mindestens drei, vier Kilogramm.“ Stadtsprecher Bernhard Ruth hebt das Goldene Buch auf den Tisch. „Unsere Gäste“ steht ganz vorn auf Leder. Das Wappen und vier Schmucksteine lassen alles edel wirken. Prominent auf der ersten Seite grüßt am 29. Januar 1967 Hermann Matern Bürger und Genossen und wünscht größte Erfolge beim Aufbau des Sozialismus. Der führende Kommunist hatte vier Jahre zuvor die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatstadt Burg erhalten. Sie ihm nach der politischen Wende in Ostdeutschland wieder abzuerkennen, sei niemanden in den Sinn gekommen. „Es hat meines Wissens bislang keine derartige Initiative gegeben.“

Das Stadtoberhaupt entscheidet

Ruth arbeitet seit 1995 in der Stadtverwaltung, schon einige Jahre später im Büro des Bürgermeisters ist er auch für die verschiedenen Ehrungen zuständig. „Ich habe extra im Archiv nachgeschaut, ein älteres Goldenes Buch gibt es nicht. Wenn doch, muss es in den Kriegswirren verloren gegangen sein.“ Das Stadtoberhaupt entscheidet, wer sich ob seiner besonderen Verdienste eintragen darf. „Der Bürgermeister setzt sich dabei aber grundsätzlich mit dem Stadtrat ins Benehmen, das ist wichtig.“ Für eine Ehrenbürgerschaft müs- sen gar zwei Drittel der Mitglieder stimmen, das ist kommunalrechtlich festgeschrieben. Das gilt auch für den umgekehrten Fall, die Entziehung.

Besatzungen trugen sich ein

Auf der nächsten Seite taucht das Boot „Burg“ am 15. Juli 1967 das erste Mal auf. Im Laufe der Jahre haben sich immer wieder einmal Besatzungen eingetragen, auf den Freundschaftsvertrag mit der Namensgeberin verwiesen und die Sicherheit der Seegrenzen betont. Otto Grotewohl, der erste Ministerpräsident der DDR, und seine Frau Johanna haben am 18. Juni 1969 unterschrieben und zum Jahreswechsel 1971/72 noch einmal eine Karte geschickt. Im September 1975 muss hochrangiger Feuerwehrsport sozialistischer Länder in Burg stattgefunden haben. Die Nationalmannschaft der Sowjetunion siegt und darf Dankesworte und Unterschriften hinterlassen.

Bilder

Hermann Kant unterzeichnete 1976

Hermann Kant, einer der bekanntesten Schriftsteller der DDR, setzt seine Signatur am 28. April 1976 ins Goldene Buch. Auf einer der nächsten Seiten dürfen sich 1984 verdiente Frauen eintragen. Die DDR feiert ihren 35. Geburtstag. Das habe in einem solchen Buch nichts zu suchen, selbst unter den damaligen Vorzeichen nicht, findet Ruth, Jahrgang 1965. Kurz dahinter vielleicht ähnlich ungeeignet der erste Eintrag nach dem Umbruch: „Hallo Niedersachsen“ des NDR feiert am 20. Juni 1990 einen Preisträger. Es folgen Schützenfeste und die Majestäten, sie füllen ab 2000 ein eigenes Buch. Erinnerungen an ganz normale Neujahrsempfänge dieser Zeit sähe Ruth auch lieber woanders.

Ihleläufer geehrt

Regine Hildebrandt, die streitbare Brandenburgerin mit Ministerzepter, verewigt sich am 8. Juli 1993. Ihleläufer Horst Leidokat zeigt angesichts der Kreisfusion von Burg und Genthin symbolträchtig besondere Ausdauer und ist im März 1994 geehrt worden. Eine kurze Atempause und der Verweis auf Neues: Für zwei, drei Einträge ist in dem Buch noch Platz, das Ende also absehbar. Ruth holt den möglichen Nachfolger aus einem Karton, mehr als 100 Jahre alt und aus städtischem Bestand, attraktiver Einband und eigentlich ein Fotoalbum. „Es ist bislang nur ein Vorschlag, eine Idee. Findet sie Gefallen, gibt es mehrere Varianten, das Buch aufzubauen.“

Gelöbnis der Bundeswehr

Zurück ins aktuelle Buch, La Rouche-sur-Yon gehört am 29. Mai 1994 eine Seite. 2005 wird aus der Städtefreundschaft mit den Franzosen eine Partnerschaft mit Brief und Siegel. werden. Das erste öffentliche Gelöbnis der Bundeswehr am 23. August 1995 ist genauso festgehalten wie der erste Besuch der japanischen Clausewitz-Gesellschaft am 28. Oktober 1998 in Burg, der Geburtsstadt des Militärwissenschaftlers Carl von Clausewitz. Dr. Hansjochen Kochheim, ein gebürtiger Genthiner, wird im November 1995 Ehrenbürger. Als Stadtdirektor von Gummersbach hatte er Anteil am Zustandekommen der Städtepartnerschaft mit Burg fünf Jahre zuvor.

Ehre für den Heimatverein

Karin Hönicke baut das Schulmuseum, sie schreibt sich am 8. April 2002 ein. Ministerpräsident Wolfgang Böhmer eröffnet im Juni 2003 den Sachsen-Anhalt-Tag, ein Jahr zuvor musste das Fest noch wegen des Hochwassers abgesagt werden. Segelweltmeister Andreas Gluschke aus Burg greift am 12. September 2003 zum Stift. Es folgen unter anderem Lokalpolitiker, Denkmalpfleger und Träger des Bundesverdienstkreuzes Klaus Möbius, Stadtratsmitglied Horst Arndt und Bernhard Sterz, Bürgermeister in schwierigen Zeiten. Ehre auch für den Heimatverein, der den Bismarckturm aus dem Dornröschenschlaf holte, und für den Verein „Weitblick“, der das Kino am Laufen hält.

Haseloff der vorerst Letzte

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg macht am 27. Juli 2010 Station in Burg und besucht Soldaten. Wegen Plagiaten in seiner Dissertation verliert er kurz darauf den Doktortitel und legt alle Ämter nieder. Weitere Minister, Hochwasserhelfer Christoph Kuntz, Schriftstellerin Dorothea Iser... Ministerpräsident Reiner Haseloff ist der vorerst Letzte. „50 Einträge und mehr, wie die Zeit vergeht“, meint Ruth.