Burg l Es ist 14 Uhr, als ich meinen Rundgang mit Streetworkerin Katja Treffky durch Burg beginne. Morgens hatte ich mir zweimal überlegt, welche Schuhe ich trage und mich für bequeme Turnschuhe entschieden. Eine gute Entscheidung, denke ich, als ich Katja Treffky sehe – auch sie trägt Sneakers. „Manchmal dauert der Rundgang zwei oder drei Stunden, kann sich aber auch über fünf Stunden hinziehen“, sagt sie, noch bevor wir losgelaufen sind.

Skatepark ist Treffpunkt für Freunde

Der erste Anlaufpunkt ist der neue Skatepark auf dem Laga-Gelände. Hier treffen sich einige Jugendliche regelmäßig, skaten gemeinsam oder bringen den Jüngeren Tricks bei. Um kurz nach 14 Uhr ist noch kein Skater zu sehen. Wir warten. Nach einer guten halben Stunde trifft der erste Skater ein: Lucien, 21 Jahre alt.

Für Lucien ist das Skaten wichtig, mit acht Jahren stand er zum ersten Mal auf einem Brett und hat beim Skaten viele Freunde kennengelernt, wie er sagt. „Wir beobachten, dass sich hier eine neue Clique bildet – das ist doch das Größte, wenn sich die Jugendlichen hier treffen und skaten können“, sagt Lucien.

Zum ersten Mal auf einem Skateboard

Als sein Kumpel Lorenz (20) dazu kommt, holt Lucien ein Bierbankboard hervor: eine Bierbank mit Rollen, auf der man skaten kann. Mich fordert er auf, mich auf das Brett zu stellen. Ich zögere kurz, wage es dann doch: Es fühlt sich wackelig an, damit die kleine Rampe herunter zu fahren, kann ich mir nicht ansatzweise vorstellen. Die vermeintliche Mutprobe ist damit abgeschlossen. Als ich Lorenz frage, ob es Vorurteile gegen Skater gibt, bestätigt er das: „Die Leute denken, wir machen alles kaputt, sind asozial und trinken – dabei sind wir keine kleinen Jungs mehr, sondern haben uns weiterentwickelt.“

Katja Treffky und das Soziokulturelle Zentrum (Sokuz) hatten die Jugendlichen dabei unterstützt, nach dem Abriss des alten Parks einen neuen im Goethepark aufzubauen. Zum Abschluss schenkt Lucien Katja Treffky spontan ein Board ohne Rollen, dass sie sich an die Wand hängen soll. Gerührt umarmt sie den Jugendlichen und bedankt sich. Wir setzen unseren Rundgang fort.

Immer Ärger am Gummersbacher Platz

Während wir zum Gummersbacher Platz laufen, frage ich Katja, warum sie von den Jugendlichen als ihren Klienten spricht – das klingt nach Anwalt, nicht nach Streetworker. „Sie sind ja auch meine Klienten, weil ich mich als Fürsprecher für sie sehe und auch zu Ämtern begleite, wenn sie Unterstützung brauchen“, erklärt sie. Einen ihrer Klienten bei sich zu Hause aufzunehmen, würde aber zu weit gehen, stellt sie klar. Sie trennt Beruf und Privates. Es ist gegen 15.30 Uhr, als wir am „Gummes“, wie die Jugendlichen ihn nennen, ankommen. Drei Gruppen sitzen auf Bänken oder Treppen verteilt auf dem Platz, Passanten beäugen sie kritisch. Auf die erste Gruppe von Jugendlichen, die Hunde dabei haben, geht Katja alleine zu, ich bleibe zurück. Ich setze mich auf eine Bank und trinke mein Wasser, das bei 30 Grad Hitze an diesem Tag gut tut und fühle mich fehl am Platz. Die übrigen Jugendlichen alleine anzusprechen, traue ich mich nicht, denn ich spüre, dass es unausgesprochene Regeln gibt – die ich nicht kenne. Katjas Gespräch ist abgeschlossen, sie winkt mich zu sich und wir gehen auf die nächste Gruppe zu. Später wird sie mir erklären, dass bei Jugendlichen, die größere Probleme haben, kein Publikum erwünscht ist – das leuchtet mir ein.

Auf der Treppe eines Hauseinganges sitzen fünf Jugendliche und chillen. „Rumlungern“ ist das Wort, das mir als Erstes einfällt. Ein Mädchen, ich schätze es auf 14 Jahre, beschwert sich, dass man nirgendwo in der Stadt schwimmen gehen kann. Ihr Kumpel, der neben ihr sitzt bestätigt: „Alle Seen, die es hier gibt, sind zu Fuß zu weit weg und nicht jeder hat ein Fahrrad.“ Deswegen baden die Jugendlichen überall dort, wo sie ans Wasser kommen – nicht ungefährlich. Auch Katja Treffky runzelt besorgt die Stirn, erinnert die Jugendlichen daran, was alles passieren kann. Sie hören ihr zu, wirken aber weiter unbekümmert. Dann haben sie eine Idee: Sie wollen eine eigene Hütte haben. Ich wage mich vor und frage, wie diese Hütte aussehen soll. Die 14-Jährige antwortet: „Wir wollen eine Hütte, wo man sich treffen kann und wir unsere Musik hören können.“ Katja Treffky schlägt vor, dass die Jugendlichen sie Sokuz besuchen, wo sie ihr Büro hat. Gemeinsam wollen sie einen Antrag an das Kinder- und Jugendforum formulieren und um Geld für den Bau der Hütte bitten. Der Plan steht.

Vorurteile gegen die Jugend

Je länger ich mich mit den Kids unterhalte, desto mehr wird klar: Ich hatte Vorurteile gegen sie, eigentlich sind es ganz normale Jugendliche, die mit ihren Freunden Zeit verbringen wollen. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als die Hausbewohner des Eingangs grantig auf uns zu stürmen und die Gruppe mit „Haut ab! Es gibt Bänke, verzieht euch dahin“ vertreiben. Über die laute Musik eines Radios beschwert sich die nächste Anwohnerin. Ich verstehe, dass die Hausbewohner ihre Ruhe haben wollen, aber warum können sie nicht freundlich mit den Jugendlichen reden? Aufgabe einer Streetworkerin sei es auch, die Bewohner und Inhaber der Geschäfte daran zu erinnern, dass sie selbst einmal jung waren, sagt Treffky. Ernüchtert und auch etwas frustriert folge ich Katja zur vorletzten Station: Dem Spielplatz in der Gorkistraße.

Scherben und Spritzen statt Schaukeln

Auf dem Spielplatz unweit der Stadthalle ist nicht viel los, nur ein paar Eltern mit kleinen Kindern von höchstens zehn Jahren sitzen um den Sandkasten herum. „Eigentlich nicht meine Zielgruppe“, sagt Katja Treffky. Ihre Klienten sind zwischen 10 und 27 Jahre alt, erklärt sie später. Wir sprechen sie trotzdem an und fragen, was sie sich für den trostlosen Spielplatz wünschen. Er besteht nur aus kaputten Fußballtoren, einer uralten, verrosteten Rutsche und einem Sandkasten, in dem der ein oder andere Hund sein Geschäft verrichtet hat. Der siebenjährige Jan Lucas sagt: „Auf jeden Fall brauchen wir ‘ne neue Rutsche mit einer Kletterwand!“ Seine Mutter wünscht sich mehr Sitzbänke für die Eltern. „Der Spielplatz ist nicht für Kinder geeignet“, sagt sie, „hier findet man benutzte Spritzen oder es liegen Scherben im Sandkasten.“ Dass hier kaum ein Kind spielen will, wundert mich nicht. Katja Treffky hat derweil herausgefunden, dass Jan Lucas gerne Fußball spielt. Sie lädt ihn zur Fußball-AG ins Sokuz ein, das dank Spenden und Fördermitteln neue Tore bekommen hat.

Es ist kurz nach 16 Uhr, meine Füße sind schon müde vom vielen Laufen. Doch eine Station haben wir noch vor uns: den Bolzplatz in Burg-Süd, der ebenfalls in keinem guten Zustand sein soll, wie uns die Skater verraten hatten. Auf dem Weg dorthin erzählt mir Katja, dass sie einmal pro Woche Sport in der Schule Burg-Süd anbietet und eine „Bewegte Pause“ in der Diesterwegschule. „Damit sich die Kinder untereinander kennenlernen und sich richtig austoben können.“ Mit dem Wissen, dass sie, sobald wir zurück im Sokuz sind, noch Projekte plant und Tätigkeitsberichte schreibt, frage ich mich, woher sie die Energie und Zeit nimmt, das alles auf die Beine zu stellen. „Die Leute gehen davon aus, dass ein Streetworker 90 Prozent der Zeit auf der Straße unterwegs ist, aber das stimmt nicht. Ich muss mich vor allem um das Netzwerk kümmern, um gut mit der Stadt, dem Jugendamt oder auch der Polizei zusammenarbeiten zu können. Ohne das Netzwerk ist Streetwork nicht möglich“, erklärt sie.

Keine Lust auf Sport mit Ausländern

Am Bolzplatz angelangt, bietet sich uns ein trostloser Anblick: Die Basketballkörbe sind mit Schimpfwörtern bekritzelt, die Körbe zum Teil kaputt, der Boden des Bolzplatzes weist ein riesiges Loch auf. Und selbst die Tore wurden demoliert, bieten jede Möglichkeit, dass sich Kinder an den scharfen Metallkanten verletzten. Ich schieße Fotos davon und habe genug gesehen. Auf dem Weg zurück zum Sokuz treffen wir eine Gruppe Jugendlicher, Katja fragt, ob man sich bei der nächsten Sportstunde in der Turnhalle sieht. „Nee, da sind die Ausländer“, lautet die Antwort. „Was man immer wieder raushört, ist die Abneigung gegen Ausländer“, erklärt Katja Treffky. „Aber mit Prävention und Aufklärung kann man noch was in den Köpfen bewirken.“ Ein richtiges Projekt gegen Ausländerhass sei der Integrationscup im September.

Es ist 17.30 Uhr als wir im Sokuz eintreffen. Ich fühle mich erschöpft – körperlich und mental – doch Katja hat noch viel zu tun, muss etwa Projektanträge schreiben. Ich verabschiede mich, um sie in Ruhe arbeiten zu lassen.