Ziepel l Bei drei Grad Celsius und einem unangenehmen Wind versammeln sich um 6 Uhr etwa 25 Mitarbeiter vor dem Werkstor – pünktlich zum Dienstbeginn, aber auf das Betriebsgelände geht keiner der Männer und Frauen. Ein Feuer aus Einwegpaletten in einer umfunktionierten Metallmülltonne spendet wenig Wärme. „Man gewöhnt sich an die Kälte“, sagt Dagmar Huhn: „Gestreikt wird schließlich oft im Winter.“ Dagmar Huhn ist Gewerkschaftssekretärin bei der Gewerkschaft ver.di und zuständig für den Fachbereich Ver- und Entsorgung.

In der Niederlassung Ziepel führt das Unternehmen Remondis Industrie Service neben der Schadstoffsammlung aus Haushalten und der Konditionierung von Sonderabfällen aus der Industrie- und Werkstattentsorgung vor allem die Vorbehandlung von Abfällen für die anschließende thermische Verwertung durch. Laut Unternehmen arbeiten in Ziepel derzeit 51 Mitarbeiter, davon drei Auszubildende. Heute jedoch arbeiten sie – bis auf zwei, drei Ausnahmen – nicht. Das bedeutet auch: In der Region bleiben die Fettabscheider voll, das Schadstoffmobil in der Garage, die Mülltonnen mit den roten Deckeln – für ölhaltige Abfälle – bleiben ungeleert.

Die ver.di-Vertreterin stimmt die Streikenden ein: „Ihr habt euch in Ziepel organisiert, ihr habt uns beauftragt, weil es euch ernst ist.“ Laut Dagmar Huhn sind in diesem Betrieb 90 Prozent ver.di-Mitglieder.

Worum geht es: Der bisher geltende Tarifvertrag für die Remondis Industrie Service ist vor Kurzem ausgelaufen, die Neuverhandlungen laufen bereits. Das Unternehmen Remondis Industrie Service hat neben der Niederlassung Ziepel auch Betriebsstellen etwa in Lübeck oder Recklinghausen. Doch was die Angleichung der Entgelte für die Remondis-Mitarbeiter in Ost- und Westdeutschland betrifft, sind die Tarifparteien offenbar unterschiedlicher Ansicht.

Am Verhandlungstisch fordert die Arbeitnehmerseite eine Angleichung der Entgelte an das Westniveau in zwei Stufen in zwei Halbjahresschritten bis Ende 2019 in Form von Sockelbeträgen, das heißt absoluten Erhöhungsbeträgen. Für den Westen wird eine Lohnerhöhung von mindestens 300 Euro im Monat tabellenwirksam gefordert. Die von der Arbeitgeberseite gemachten Angebote lägen allerdings „unter der Schmerzgrenze“, so die Gewerkschaft.

Dazu erklärt der Ziepeler Betriebsratsvorsitzende Marco Schroller: „Wir wollen den Angleich an die Westentgelte sofort. Nach 29 Jahren ist das doch wohl angemessen. Aber die Angebote von Remondis lagen unter unserer Schmerzgrenze. Unsere Forderung sei nicht machbar, weil wir im Osten andere wirtschaftliche Zahlen hätten. Aber die Mülltonne in Frankfurt/Main kostet genauso viel wie in Magdeburg, und auch die Butter ist hier genau so teuer wie im Westen. Bei den Löhnen ist das anders, die liegen im Westen höher. Ich vermisse da das Gleichheitsgebot. Ich denke, es ist legitim, dass wir streiken. Wir sind nichts Schlechteres. Wir leisten hier sehr gute Arbeit. Vielleicht werden sie jetzt wach.“

„Der Arbeitgeber hat sich leider nicht festgelegt, wann eine Westangleichung erfolgen soll. Und mit schwammigen Aussagen wolltet ihr nicht mehr leben“ ruft Dagmar Huhn im Morgengrauen den Streikenden zu: „Das ist heute ein Signal, womit man möglicherweise nicht gerechnet hat. Dies ist der erste Schritt, das erste Mal, wohl wissend, dass das hier nicht der schlechteste Arbeitgeber ist.“

Zahlen

Die Gewerkschaftssekretärin nennt Zahlen zum Vergleich: „Ein Lkw-Fahrer im Westen bekommt bei 38 Wochenstunden 2452 Euro im Monat, sein Kollege im Osten bei 40 Stunden nur 1968 Euro.“

Am Firmensitz von Remondis im nordrhein-westfälischen Lünen reagiert man auf den Warnstreik überrascht. Auf Volksstimme-Anfrage erklärt der Unternehmenssprecher Michael J. Schneider: „Wir sind von dem Streik sehr überrascht worden, da dieser aus unserer Sicht ohne konkreten Grund und vor dem Hintergrund von de facto bereits so gut wie abgeschlossenen Tarifverhandlungen plötzlich anberaumt wurde.“

Bei den zurückliegenden Tarifverhandlungen am 10. Dezember sei aus Unternehmenssicht Einigkeit in vielerlei Hinsicht erzielt worden. So etwa auf die Laufzeit des Tarifvertrages für 24 Monate und eine auf zwei Jahre gestaffelte Entgelterhöhung für die Region Ost, die laut Schneider „einen weiteren erheblichen Schritt zur Angleichung des Lohnniveaus Ost an West“ bedeute.

Weitere fertig verhandelte Punkte seien die Streichung der Vergütungsgruppe 1, die Kürzung der Einstiegsentgeltklausel von jetzt vier auf zukünftig drei Jahre sowie eine deutliche Anhebung der Azubi-Vergütungen über die gesamte Laufzeit sowie ebenfalls auf zwei Jahre gestaffelte Entgelterhöhungen für den Bereich West gewesen. Dazu Unternehmenssprecher Michael Schneider: „Ausschließlich die Entgelterhöhung für den Bereich West sollte, laut der Verhandlungsführung von ver.di, noch einmal mit den Mitgliedern abgestimmt werden. Zu allen anderen Punkten bestand aus unserer Sicht Einigkeit.“

Der nächste und abschließende Beratungstermin der beiden Tarifparteien sei für den 15. Januar anberaumt worden. Laut Schneider wurde er seitens ver.di abgesagt, verbunden mit der Ankündigung, sich im Januar „zwecks neuer Terminfindung mit uns“ in Verbindung setzen zu wollen. „Warum es vor dem Hintergrund einer prinzipiell bereits erfolgten Einigung nun plötzlich und unangekündigt zu Streiks kommt, ist für uns in keiner Weise nachzuvollziehen“, erklärte der Remondis-Firmensprecher am Mittwoch gegenüber der Volksstimme.