Burg/Genthin l „Viele Menschen sind erstaunt, wie vielfältig unsere Arbeit ist“, erklärt Jan Eiglmeier von der Drogen- und Suchtberatung des Paritätischen. Und wie groß der Bedarf ist, führt er folgend aus. Dies wurde auch erst vor wenigen den Tagen Politikern des Kreistages erläutert. „Wir hatten die Befürchtung, dass durch die Corona-Krise im kommenden Jahr solche freiwilligen Leistungen wie die Unterstützung unserer Suchtberatungsstelle vielleicht zu kurz kommen könnten.“ Er hofft, dass die Argumente die Kreistagspolitiker überzeugen, wie wichtig die Arbeit der Suchtberatung ist und dass diese weiterhin unterstützt wird. Die Suchtberatungsstelle, die in Burg und Genthin aktiv ist, wurde im Jahr 2020 mit 32 191,64 Euro vom Landkreis unterstützt, für die Fachstelle Suchtprävention waren es noch einmal 28 252,27 Euro. Die Beratungsstelle benötigt insgesamt 176 815,82 Euro, der Großteil (rund 130 000 Euro) wird vom Land Sachsen-Anhalt übernommen. Gut angelegtes Geld, findet Eiglmeier. Er verweist dabei auf eine Studie vom Sozialteam Görlitz Weißwasser: „Jeder Euro, der von der öffentlichen Hand in die Tätigkeit der Suchtberatung investiert wird, spart 28 Euro, die ohne die Beratung entstehen würden.“

Kollegin an der Seite

Eiglmeier hofft, dass der Status Quo in der Suchtberatung gehalten werden kann. „Klar könnten wir noch personelle Unterstützung gebrauchen, aber wenn meine Kollegin Diana Grothe und ich unsere Arbeit in der Form fortführen können, wäre das auch in Ordnung.“ Er ist froh, dass er eine weibliche Kollegin an seiner Seite hat, die auch in Fragen wie Essstörungen bei jungen Frauen oder Gewalt in Sexualität, den Hilfesuchenden zur Seite stehen kann.

Der derzeitige Lockdown ändert aber an der Arbeit der Suchtberatungsstelle wenig. „Im ersten Lockdown war es ja so, dass wir alles schließen mussten. Ich habe dann Telefonberatung gemacht. Auch das ist möglich. Man hat auch gesehen bei Menschen, die sich normalerweise jede Woche in einer Selbsthilfegruppe getroffen haben, dass da unheimlicher Gesprächsbedarf herrscht.“ Aber eine telefonische Beratung sei natürlich nicht vergleichbar mit einem persönlichen Gespräch. „Ich achte ja auch auf Mimik und Gestik. Wenn eine Person, die beispielsweise Crystal Meth konsumiert, körperlich sehr unruhig ist, das sehe ich am Telefon natürlich nicht.“ Derzeit wird in den Beratungsräumen verstärkt auf die Hygieneregeln geachtet, so dass zum Beispiel Masken getragen werden müssen auf den Gängen und schon im Eingangsbereich ein Desinfektionsmittel bereit steht. In den Gesprächen wird der Abstand gewahrt und regelmäßig gelüftet.

Problemlagen ergründen

Dass die Beratung auch in einer schwierigen Zeit wie der Corona-Pandemie weiter läuft, findet Eiglmeier wichtig, denn viele Menschen sind mit sogenannten Multiproblemlagen konfrontiert. Das bedeutet, dass oft nicht nur die Sucht ein Teil ihres Lebens ist, sondern dieser auch noch verknüpft ist mit Gewalt, Armut, Überschuldung, Arbeitslosigkeit oder psychischen Erkrankungen. „Wenn man wie wir gut vernetzt ist mit Kontakten zu Erziehungshilfen oder der Schuldnerberatung, kann man dort aber ganz gut ansetzen“, erklärt er. Man müsse in der Beratung erst einmal ergründen, welche Problemlagen vorliegen. Die Sucht an sich ist oft nur eines der Probleme.

Allerdings nehmen diese Probleme zu, wie Eiglmeier zeigt. Im Jahr 2010 hatte die Drogen- und Suchtberatungsstelle 586 Klienten. Dazu gehören auch Angehörige, die sich auch beraten lassen können. 2015 waren es schon 685 Klienten und 2020 schließlich 820. Die Klienten sind zu 77 Prozent männlich und zu 23 Prozent weiblich. „Das Verhältnis hat sich in den vergangenen Jahren kaum verändert und ist auch bundesweit so. Das bedeutet aber nicht, dass Frauen weniger konsumieren, eher ist es so, dass sie später den Weg in die Beratungsstelle nehmen. Frauen schultern viele Probleme und es dauert oft länger, bis sie die Hürde nehmen, zu einer Beratung zu gehen.“ Auch sind die Suchtstoffe bei den Geschlechtern unterschiedlich. „Alkoholsucht ist eindeutig ein vorwiegendes Problem von Männern. Bei illegalen Substanzen sieht es schon anders aus. Bei Crystal Meth haben wir beispielsweise ein Verhältnis 50:50.“

Arbeitsgeber gehen auf Suchtberatung zu

Sucht ist auch kein Problem, das nur sozial schwächere Schichten trifft. 43 Prozent sind erwerbstätig, 45 Prozent sind erwerbslos oder in Rente. Die Gefahr, in Arbeitslosigkeit zu rutschen, sei aber höher, wenn eine Suchterkrankung vorliegt. Positiv ist Eiglmeier aber aufgefallen, dass Arbeitgeber inzwischen gezielt auf die Suchtberatung zugehen, wenn es unter Arbeitnehmern dahingehend Probleme gibt. „Früher hätte man jemanden, der mehrfach alkoholisiert zur Arbeit gekommen ist, wohl entlassen, aber die Firmen wollen ihre Fachkräfte halten und kümmern sich darum, dass die Sucht behandelt wird.“ Besonders Sorgen macht Eiglmeier, dass inzwischen zwölf Prozent der Klienten Schüler sind. „Und hier steigt die Zahl ständig weiter.“ Die Jugendlichen konsumieren vor allem Cannabis. Problematisch sei es vor allem, dass Cannabis für die Jugendlichen nahezu überall verfügbar sei. „Sogar vor Schulen warten in den großen Pausen Dealer.“ Bedenklich sei auch, dass die Jugendlichen beim Kauf von Cannabis die Grenze zur Illegalität übersteigen. Die Hemmschwelle, dann auch andere Substanzen zu probieren, sei dann viel niedriger.

Cannabis gehört auch insgesamt zu den drei häufigsten Ursachen, warum Personen zur Suchtberatung kommen. 133 Klienten sind davon betroffen. Noch häufiger werden aber Stimulanzien wie Methamphetamin oder Ecstasy genommen (259 Klienten). Diese Entwicklung stimmt den Berater ebenfalls sorgenvoll, da beispielsweise Ecstasy-Tabletten oft mit anderen Drogen wie Heroin oder Crystal Meth versetzt sind. Ein solcher Mix hat schon einige Nutzer ins Krankenhaus gebracht. Die häufigste Ursache in der Suchtberatung ist aber der Alkohol. 274 Klienten werden deswegen beraten.

Wer mit der Drogen- und Suchtberatungsstelle Kontakt aufnehmen will, kann sich unter den Rufnummern 03921/45325 und 03933/948720 melden.