Ehemaliges Militärgelände

Urwald statt Schießplatz bei Körbelitz

 

Körbelitz (hrp/np). Ein naturbelassener kleiner Urwald soll hier entstehen, sagt Rainer Aumann, Leiter des Bundesforstbetriebes im nördlichen Sachsen-Anhalt, über das ehemalige Militärgelände bei Körbelitz. Es sei ein enormer Aufwand gewesen sei, die ehemals militärisch genutzten Flächen wieder herzurichten. Große Mengen an Müll und Schrott seien aus den Wäldern, wie auch hier bei Körbelitz, geholt worden. Auf den Schießplätzen sei zudem eine aufwendige Munitionsbeseitigung vorgenommen worden. An einigen Stellen sei ein Bodenaustausch nötig gewesen, über einen längeren Zeitraum sei auch das Grundwasser untersucht worden.

„Im Jahr 2015 ist neben den früheren Militärgeländen in Madel und Tangerhütte auch der ehemalige Schießplatz bei Körbelitz in die Bundesinitiative Nationales Naturerbe überführt worden“, erklärt Rainer Aumann. Zahlreiche Flächen deutschlandweit seien in die Hände von Naturschutzorganisationen und –stiftungen übergeben worden. Weitere, zum Teil stark mit Kampfmitteln belastete, ehemalige Übungsplätze sind beim Bund verblieben. Das Engagement des Bundesforstes bleibe in allen Bereichen bestehen.

„Wir helfen den Naturschützern weiterhin mit den gesammelten Erfahrungen und dem Forstmanagement“, sagt der Leiter des Bundesforstbetriebes. Inzwischen würden seine Fachleute beim Naturschutz in der obersten Liga mitspielen. Spezialisten für den Waldumbau gebe es im Bundesforstbetrieb genauso wie für die Renaturierung. Bäume werden nachgepflanzt, Heckenstrukturen eingerichtet und Krötenteiche angelegt. Drei Mitarbeiter würden sich ausschließlich um Artenschutz und Artenvielfalt kümmern.

Mini-Nationalpark soll bei Körbelitz entstehen

Mit Hilfe des Bundesforstbetriebes soll aus dem ehemaligen Schießplatz bei Körbelitz nun ein Mini-Nationalpark werden. „Ziel ist es, dass in diesem Bereich eine naturbelassene Urwald-Zelle entsteht“, so Rainer Aumann.

639 Hektar ist das Gelände des ehemaligen Schießplatzes Körbelitz groß, erklärt Steffen Bauling, Leiter des Betriebsbereiches Mitte und des Fachbereichs Kompensationsmaßnahmen beim Bundesforstbetrieb. Er hat seinen Sitz in der Nebenstelle Möser. 1992 seien die Russen vom Schießplatz Körbelitz abgezogen, danach habe die Bundeswehr das Gelände weitere zwei Jahre genutzt. Mitte der 2000er Jahre sei der ehemalige Schießplatz dann in das so genannte nationale Naturerbe überführt worden, sagt Bauling.

Streuobstwiese als Kompensation für Ausbau der A2

Die Naturerbefläche Körbelitz sei von zum Teil mehr als einhundert Jahre alten Kiefern und von Birken geprägt. Teilweise werde der Bestand von Eichen- und Roteichenflächen durchbrochen. „Wir wünschen uns hier noch mehr Laubholz“, betont Bauling. Denn Nadelhölzer seien deutschlandweit überdurchschnittlich vorhanden. Deshalb seien hier in den vergangenen Jahren mehrfach Eichen nachgepflanzt worden. Auch eine Streuobstwiese mit Kirschen, Pflaumen und Äpfeln findet sich auf dem Gelände des ehemaligen Schießplatzes. Sie wurde als Kompensationsmaßnahme für den sechsspurigen Ausbau der A2 angelegt.

Einige Teile der Flächen sind durch den einstigen starken Übungsbetrieb mehrfach komplett abgebrannt und die Ränder durch Geschosssplitter stark geschädigt.

Im Zentrum der Naturerbefläche finden sich mehrere Freiflächen, die früher als Schießbahnen und für die militärische Kraftfahrerausbildung dienten. Offenlandflächen nennt Steffen Bauling sie und erklärt, dass diese Flächen in den vergangenen Jahren zum Teil entsiegelt wurden. Sträucher wurden nachgepflanzt und Sandmagerrasen ist hier ebenso zu finden wie Zwergstrauchheide und Ginsterbüsche. Hier schlängeln sich Schlingnattern entlang, der Wiedehopf zeigt seine bunte Federhaube und der Gesang des Raubwürgers klingt über das Gelände. Auch der Wolf ist hier seit 2011 immer wieder einmal gesichtet worden.

Ebenfalls zu finden sind hier mehrere kleine, dauerhaft wasserführende Stillgewässer. Hier leben verschiedene Amphibien.

Prozessschutz im Wald ist langfristiges Ziel

Langfristiges Ziel im Wald sei der Prozessschutz, erklärt Steffen Bauling, das heißt, der Schutz des natürlichen Prozesses von Zerfall und Wiederbewaldung. In diesen Prozess soll vom Menschen möglichst nicht eingegriffen werden. Außer im Rahmen der Verkehrssicherungspflicht, schränkt Bauling ein. Zudem sollen die Freiflächen durch Pflegemaßnahmen vor einer dauerhaften Verbuschung bewahrt werden. Wald und Offenland sollen sich hier so entwickeln, dass sie als Brut- und Lebensstätte für möglichst zahlreiche Tierarten, vom Käfer bis zum Specht, dienen können.

Historisch-genetische Rekonstruktion wird ausgewertet

Zurzeit würden die Ergebnisse einer historisch-genetischen Rekonstruktion ausgewertet und abgestimmt, erklärt Steffen Bauling. Eine solche Rekonstruktion beschäftigt sich mit den Ursachen und der räumlichen Ausdehnung der Kampfmittelbelastung von Flächen. Die Auswertung dient dazu, die Lage zu bewerten und weitere Maßnahmen daraus abzuleiten. Etwas Zeit wird der Abstimmungsprozess über diese Rekonstruktion für den ehemaligen Schießplatz Körbelitz in Anspruch nehmen, schätzt Bauling. Anschließend könne im Rahmen der Naturerbe-Entwicklungsplanung über weitere Schritte der Biotoppflege nachgedacht werden. So wäre eine Beweidung der Offenflächen eine Option, sagt Bauling. Ebenfalls denkbar sei die Öffnung von Teilen der Naturerbefläche für Besucher. Auf diese Weise könnten künftig auch Spaziergänger im Mini-Nationalpark hochwertige Biotope erleben, wo vor 30 Jahren noch scharf geschossen wurde.