Burg l Rund 5000 Mitglieder und immer was los – klingt nicht wie ein klassischer Kleinstadt-Verein, ist es auch nicht. Die „Burger Ansichten“ sind eine Gruppe im sozialen Netzwerk Facebook, aus deren Mitglieder-Pool „offline“ der Verein „Wasserturm Burg“ hervorgegangen ist.

Große Chancen

Diese ungewöhnliche Entwicklung zeigt: Das Internet birgt große Chancen für das Vereinsleben auf dem Land, wie auch die aktuelle Studie „Vereinssterben im ländlichen Raum – Digitalisierung als Chance“ unterstreicht. Denn der Nachwuchs schwindet: Die Anzahl der Vereine im ländlichen Raum nimmt deutschlandweit ab. Fast jeder vierte Verein verliert Mitglieder, insgesamt haben sich in den vergangenen Jahren mehr als 15.000 Vereine aufgelöst. Im Jerichower Land kommen laut Studie auf 100 bestehende Vereine sechs bis zehn Schließungen pro Jahr.

Aktiv auf dem Papier

In der Stadt Burg sind offiziell mehr als 130 Vereine gemeldet. Wie aktiv diese wirklich sind, lässt sich jedoch nur schwer nachvollziehen. Wenn eine Vereinsschließung nicht offiziell gemeldet wird, bleibt der Verein auf dem Papier aktiv – obwohl er tot ist. Wiederbeleben könne die Vereinskultur auf dem Land das Internet, postuliert die Studie: Online-Austausch könne lange Fahrten zu Vereinstreffen ersetzen, Protokolle und Anträge könnten für alle einlesbar sein.

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Dieses digitale Potenzial nutzt auch Marco Herbort, Vorsitzender des „Wasserturm-Vereins“ und Gründer der „Burger Ansichten“. „Unsere Mitglieder schreiben viel in die Gruppe und sind besonders motiviert, weil sie von anderen Mitgliedern durch Kommentare viel Anerkennung erhalten.“ Das gebe den Verantwortlichen auch ein Gefühl von Gemeinschaft.

So stark digitalisiert wie der „Wasserturm Burg“ ist aber nur ein Bruchteil aller Vereine. „Bei vielen ist die Öffentlichkeitsarbeit ein Problem. Sie sind meistens nicht so präsent im Netz“, so der Erzieher.

Kein simples Hobby

Das weiß auch Karin Zimmer vom Heimatverein Burg. „Wir haben zwar eine Website, aber die könnte besser sein“, gibt die Burgerin unumwunden zu. Die Zielgruppe des Heimatvereins sei auch nicht unbedingt die Jugend. Sie sieht vor allem in der immer weiter schrumpfenden Freizeit und im höheren Renteneintrittsalter ein großes Problem. „Ab einem gewissen Alter im Beruf hat man nur wenig Zeit“, so Zimmer. Zusätzlich sei das Engagement im Heimatverein kein simples Hobby. Für die Stadtführungen, die der Verein zu historischen Themen organisiert, müssen sich die Verantwortlichen gut mit der Geschichte der Stadt auskennen. „Es gibt immer wieder Leute, die dann richtige Fachfragen stellen, darauf muss man vorbereitet sein“, betont die Burgerin. Viel Arbeit für eine geringe Aufwandsentschädigung.

Ein weiterer Grund für diesen Schwund ist das Abwandern der Landjugend in die Städte. Dort steigt indes die Anzahl der Vereine. Geht die Jugend, verlieren die ländlichen Regionen große Teile der lokalen Vereinsstrukturen.

Vernetzung ist wichtig

Dieses Problem kennt auch Christoph Eichwein, Vorsitzender von „Burg Pro Musik“, einem Verein, der lokale Musiker fördert und besonders junge Burger und Burgerinnen anspricht. „Aber viele ziehen nach Berlin oder Leipzig und haben dann keine Zeit mehr“, sagt der Musiker. Um diese zu halten, müsse eben die Region attraktiver werden – ein Problem, dass nicht von heute auf morgen zu lösen ist. Für die Daheimgebliebenen bespielt der Verein natürlich auch die sozialen Medien, ohne gehe das nicht, so der Burger. „Wir bewerben auch Konzerte in der Region. Vernetzung ist sehr wichtig für uns“, erklärt Eichwein. Aber das ist nicht die einzige Schwierigkeit der 32 Mitglieder im Alter von 18 bis über 40 Jahren. „Wir suchen seit zwei Jahren ein Vereinsheim, aber das ist auch kostentechnisch nicht so einfach zu stemmen“, erklärt er. Anders als etwa bei einem Sportverein gebe es keinen Sponsor bei „Burg Pro Musik“. Die Stadt stehe den Musikern helfend zur Seite, „aber wir wollen auch auf eigenen Füßen stehen“, betont Eichwein.

Diese Erfahrungen rund ums Ehrenamt zeigen: Anpacken, Zupacken, Selbermachen ist das Credo ländlicher Vereinsstrukturen. Dabei kann das Internet zwar unterstützend digital zur Seite stehen und einen Verein bekannter machen – aber das Engagement und die „Handarbeit“ nicht ersetzen. Christoph Eichwein bringt es auf den Punkt: „Ohne Herzblut geht es nicht.“ Weder on- noch offline.