Burg l Der Krieg in Syrien ist ein Thema, das auch hier zu Lande die Gemüter bewegt. Zerbombte Häuser, kaputte Straßen, fliehende Menschen – Bilder, die sich tief eingeprägt haben. Einer der syrischen Flüchtlinge, die 2015 nach Deutschland kamen, ist Rami Dahbour. Mit seiner Geschichte möchte der 29-Jährige den Zuhörern verdeutlichen, was es bedeutet, seine Heimat zu verlassen – mit nichts als Hoffnung im Gepäck. Seinen Vortrag hielt er im Zuge der Interkulturellen Woche.

Party statt Kopftuch

Doch zunächst räumt er mit Klischees auf. „In Syrien gibt es keinen Strom, die Frauen müssen sich verschleiern und wir besitzen keine Autos“, nennt Rami einige Sätze, die er oft zu hören bekommt. Deshalb spielt er ein Video ab, in dem er mit seinen Freunden in Damaskus auf einer Party ist. Kein Kopftuch, keine Geschlechtertrennung. Dafür sind Frauen in Tanktops, eine ausgelassene Stimmung und Alkohol zu sehen. „Ich hatte ein tolles Leben“, sagt er. „Habe Fußball gespielt, BWL und Marketing studiert und 400 Euro im Monat verdient.“ Genug für einen jungen Mann, der bei seiner Familie wohnt.

Jeden Tag starben Menschen

Doch dann kam 2011 der Krieg. Aus 400 Euro wurden knappe 100 Euro, trotz doppelter Arbeit. Die Fotos auf der Leinwand wechseln. Eine Straße, auf der kein einziges Auto mehr fährt. Ein Haus, dessen Wände und Fenster sich auf dem Boden türmen. „Jeden Morgen habe ich mich von meiner Mutter verabschiedet, weil ich nicht wissen konnte, ob ich lebendig nach Hause komme“, erzählt Rami.

Nach seinem Masterabschluss sieht er nur einen Ausweg: Flucht. Gemeinsam mit seiner Schwester, dem Schwager und vier Freunden. Beim ersten Schlepper in der Türkei landete er mit 65 Menschen in einem Boot, das auf halbem Weg nach Griechenland auseinanderbricht. „Kinder mussten sich hilflos über Wasser halten, bevor die türkische Polizei uns fand“, erinnert sich Rami. „Das war der schlimmste Moment in meinem Leben.“

Elf Tage Schokoriegel gegessen

Der zweite Versuch glückte, Rami setzte seinen Weg über Mazedonien, Serbien, Kroatien und Österreich fort. Elf Tage lang aß er nur Schokoriegel, um Geld zu sparen. Heute mag er keinen davon mehr essen.

Doch Rami wollte nach Ostdeutschland. Dort seien die Menschen freundlich, hatte ihm sein Vater versprochen, der selbst einmal zu DDR-Zeiten dort gewesen ist.

„Am 30. September 2015 erreichte ich die zentrale Anlaufstelle in Halberstadt. Am 7. Oktober kam ich nach Magdeburg.“ Daten, die Rami nie vergessen wird.

Neuer Start in Magdeburg

Vor zwei Jahren konnte er beim AWO Nachbarschaftstreff in Magdeburg eine Arbeit finden. Er lernte Deutsch und gab Fußballkurse für Migranten. Das genüge aber nicht. „Integration muss auf beiden Seiten stattfinden“ sagt Rami, der mittlerweile Projektleiter beim AWO Nachbarschaftstreff ist. Deshalb bietet er Arabischkurse für Jedermann an, in denen er seinen Teilnehmern auch die syrische Kultur näherbringt - auch mit syrischen und deutschen Gerichten, denn Essen verbinde. Heute ist Rami angekommen. „Deutschland ist meine zweite Heimat, aber ich vermisse auch das Syrien aus meinen Erinnerungen“, gesteht er.