Burg l Vorweg: Der junge Keiler ist heute wohlauf, hat vor wenigen Tagen das Jerichower Land verlassen und fühlt sich mittlerweile in einem Schwarzwildgatter in Thüringen sauwohl. Denn Mario Mathiscig weiß als Jäger nur zu gut: Wildtier bleibt Wildtier.

Trotzdem hat der Grabower mit seiner Freundin mehr als aufregende Monate hinter sich, die beide nie vergessen werden.

Schweinchen hatte sich verirrt

Alles begann Mitte Januar mit einem Anruf eines Bekannten. Der bat Mario Mathiscig um Hilfe, weil sich im Garten ein kleines Wildschwein verirrt hatte, das sich zwar durch den Zaun geschoben hatte, aber den Weg nicht mehr zurück fand. Auch ein ständiges Quieken nach dem Muttertier half nichts. Die Bache wollte oder konnte das kleine Borstentier nicht wieder einsammeln, und ohne Milch wäre der ohnehin schon geschwächte Frischling dem sicheren Tod geweiht gewesen.

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Familienzuwachs

Weidmann Mathiscig entschloss sich, den Kleinen mit nach Hause zu nehmen. Und ehe sich das junge Paar versah, gab es ein Familienmitglied mehr. Zu Hause wurden ein ausrangierter Kaninchenkäfig eingerichtet, eine Rotlichtlampe installiert und die ersten Fütterungsversuche unternommen. „Allerdings sahen die nicht vielversprechend aus, denn der Frischling wollte einfach nicht aus der Flasche trinken. Wahrscheinlich war der Schock noch zu groß, getrennt von Mutter und Geschwistern leben zu müssen“, erinnert sich der Grabower. „Für uns war dies nachvollziehbar, aber dennoch taten wir alles, um ihn aufzupäppeln. Wir flößten ihm die Babymilch mit einer Spritze aus der Ersten-Hilfe-Box für unsere Hunde ein. Und weil Frischlinge in den ersten Wochen alle ein bis zwei Stunden von der Bache gesäugt werden, stellten wir uns auf Nachtschichten ein.“

Hündin als Ersatzmutter

Als echte Helfer erwiesen sich zum Glück auch die beiden Vierbeiner der Familie. Labradorhündin Mara übernahm sofort die Rolle der Ersatzmutter. Sie wärmte das kleine Borstenschwein und kümmerte sich rührend um ihn. Bei soviel menschlicher und tierischer Nähe wurde es schließlich Zeit, dem neuen Zuwachs einen Namen zu geben. „Wir einigten uns auf Erwin“, blickt Mathiscig zurück. Und so langsam begann Erwin, sich wohl zu fühlen. Er nahm die Milch aus der Spritze gut auf und fing an, die Wohnung zu erkunden. Noch unsicher, aber von Neugier getrieben. Beim ersten Wiegen zeigte die Nadel 1600 Gramm an. „Daraufhin schätzte ich ihn auf etwa zwei Wochen“, so der erfahrene Jäger. „Erwin war klein und gebrechlich, brachte Töne hervor wie das Spielzeug unserer Hunde und war anders als die Wildschweine, die ich aus der Natur her kannte.“ Unter normalen Umständen sind die Frischlinge in diesem Alter bei der Bache im Kessel.

Milch aus dem Napf

Aber Erwin war anders, wurde alle zwei bis drei Stunden gefüttert, bediente sich mittlerweile am Hundewassertopf und begann schließlich, seine Milch aus einem Napf zu trinken – mit fröhlichen und grunzenden Geräuschen, wie sie Wildschweine von sich geben. Die Folge: „Von nun an mussten wir auch den Boden nach jeder Fütterung säubern und verbrauchten bald Unmengen an Küchenpapier“, lacht Mathiscig.

Da Erwin schnell zu Kräften kommen sollte, besorgte das Paar spezielles Ferkelaufzuchtfutter und besondere Ferkelmilch. Der Familiengast nahm schließlich jeden Tag an Gewicht zu und wuchs sichtlich.

Kleiner Ausbruchskünstler

Wie im Freien sind Frischlinge zuweilen ungestüm. So war es kein Wunder, dass sich der Minikeiler zu einem Ausbruchkünstler entwickelte. Stromkabel, Schuhe, Teppiche waren nicht mehr sicher vor dem felligen Vierbeiner. Doch auch hierbei kam den jungen Leuten die Lebensplanung zugute: „Da wir gerade ein Haus ausbauen und sich auf dem Grundstück auch alte Stallungen befinden, haben wir einen alten Schweinestall mit viel Mühe gesäubert, ausbruchsicher gemacht und mit etwas Farbe verschönert, so dass Erwin sein neues Wohnzimmer Anfang April mit meinem Gewicht von neun Kilogramm beziehen konnte“, sagt Mathiscig.

Betreuung auf Zeit

So wuchs der umsorgte Erwin dem Paar immer mehr ans Herz. Wohl wissend, dass dies nur auf Zeit sein kann. Zum einen, weil beide selbst Nachwuchs erwarten, zum anderen, weil ein ausgewachsener Keiler bis 150 Kilogramm schwer werden kann. Mathiscig nahm Kontakt zum Veterinäramt auf und telefonierte sich fast die Finger wund, um ein geeignetes Schwarzwildgatter für Erwin zu finden. Eine Auswilderung ist nämlich schon deshalb nicht mehr in Frage gekommen, weil er die natürliche Scheu vor den Menschen verloren hat.

Neues Heim in Thüringen

Endlich: Nach etlichen Tagen erklärte sich ein Gatter in Thüringen bereit, einen weiteren Gast aufzunehmen. Erwin ist nun dort angekommen, und Mario Mathiscig und seine Partnerin sind froh, dass es ihm gut geht, aber dennoch ein Stück traurig: „Er hat uns unvergessliche und schöne Momente bereitet, wie wir sie sicher nie wieder erleben werden. Und ohne meine Freundin hätte ich es nicht geschafft“, sagt der junge Mann mit großer Dankbarkeit.