Lostau/Burg l „Ich werde leider zum Nomadenleben gezwungen“, sagt Andreas Karwath. Jetzt, wo die Mutterschafe mit ihren Lämmern das satte Grün unbeschwert fressen, hat der Wolf leichte Beute. Die kann und will der Schäfer dem Raubtier nicht gönnen. „Also bleibe ich jetzt auch nachts draußen. Ganz egal, wie das Wetter ist. Es geht wieder mal nicht anders.“ Karwath wirkt stinksauer. Acht Schafe hatten Wölfe auf einer Wiese ganz in der Nähe der Lostauer Sporthalle gerissen – drei Muttertiere und fünf Lämmer. Den Schaden beziffert er auf mehr als 1000 Euro. Aus Erfahrung weiß der Wanderschäfer, dass die Raubtiere gern zurückkommen, wenn sie zuvor ein leichtes Spiel hatten. „Solche Situationen habe ich beim Weiden in Körbelitz schon mehrfach erlebt.“ Und genau das will er jetzt verhindern. „Obwohl es nicht ganz einfach ist“, gibt er unumwunden zu. Also macht sich der 60-Jährige gezwungenermaßen fertig für die Nacht – in seinem Pickup. Für ihn heißt das: dicke Pullover und darüber eine Steppjacke anziehen und mit einigen Wolldecken einpacken. „Und dann im Halbschlaf irgendwie immer ein Auge auf die Herde haben. Das Augenlicht gewöhnt sich halbwegs an die Dunkelheit“, sagt er etwas zerknirscht. „Aber wie lange ich das durchhalte, weiß ich natürlich nicht.“

Zumindest ist seine Rund-um-die-Uhr-Präsenz von Nutzen. Karwath schildert, was in der Nacht los war: Als die Kälte auch seine Zehenspitzen erreicht hatte, wird er von seinen Hütehunden geweckt. Die würden am liebsten mit ordentlich Krach losstürmen. Binnen weniger Sekunden ist Karwath hellwach, steht vor der Herde und schlägt lautstark auf einem Topf. Dieses Geräusch und auch das Bellen der Hunde durchdringt die Nacht. Karwath schlägt einen großen Bogen um die Tiere, die mittlerweile unruhig werden, aber trotzdem noch beisammen bleiben. In Richtung Wald sieht er einen Schatten laufen. Ein Wildschwein vielleicht? Karwath hat gelernt, Tiere im Laufe der Zeit einzuordnen. Das kann nur ein Wolf gewesen sein, ist er sich sicher. Schnell geht er weiter um die Herde und schaut, ob Isegrim möglicherweise doch auf die Schnelle ein Lamm reißen konnte. Zum Glück nicht.

Schlafen auf dem Fahrersitz

Die Nacht ist für ihn allerdings vorbei. Er ist genauso so unruhig wie die Hunde und redet auf die Schafe ein. Bis zum Morgengrauen bleibt er trotz des Regens auf den Beinen und hat etwa zwei, höchstens drei Stunden tatsächlich geschlafen. „Jeder kann sich denken, dass ein Fahrersitz nicht der passende Ort dafür ist. Aber wenigstens hat es etwas gebracht und alle Tiere sind wohlauf“, tröstet er sich. Bis auf zwei, die Karwath noch vom letzten Wolfsangriff untersuchen will. Sie hatten kleinere Verletzungen am Bauch und Hals davon getragen.

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Bis zum 15. März will der gebürtige Thüringer noch bei Lostau mit seinen knapp 1500 Tieren, darunter 500 Lämmern, bleiben. So lange bieten die Flächen in der Lostauer-Möseraner Heide noch ausreichend Futter. Anschließend zieht er wieder in Richtung Körbelitz. Dorthin, wo er genauso um die Tiere bangen muss, „weil die bürokratischen Hürden, den Wolfsbestand zu reduzieren, einfach zu hoch sind“, klagt er.

Das sieht auch Kreisjägermeister Hartmut Meyer so. Auf Dauer könne nicht sehenden Auges toleriert werden, dass die Schaf-, Rinder- oder Pferdehalter die Leidtragenden zu großer Wolfsbestände würden. Dabei gehe es nicht um eine Ausrottung des Tieres, sondern um eine gezielte punktuelle Bejagung. Für Sachsen-Anhalt gelte jedoch die Leitlinie Wolf, die den Abschuss von nur Einzeltieren nach Genehmigung mehrerer Behörden ermöglicht. Die Jägerschaften kritisieren diese Handhabe als zu bürokratisch und wenig praktikabel. Andreas Karwath richtet sich derweil auf eine weitere Nacht im Freien ein. Auf unbestimmte Zeit ...