Stendal l Hätte Alina Albrecht nicht vor einem Jahr ein Praktikum in London absolviert, dann säße sie wahrscheinlich nicht am Tisch in der Kleinen Markthalle. Sie würde nicht darüber sprechen, warum sie sich in der Stendaler Ortsgruppe von Fridays For Future engagiert, an Demonstrationen teilnimmt und Kleidertauschbörsen organisiert, für den Klimaschutz eintritt. Damals aber erlebte sie politisches Engagement direkt vor Augen, als sie eine Aktion der Umweltbewegung Extinction Rebellion (Englisch: Rebellion gegen das Aussterben) beobachtete. Zurück in der Heimat wollte sich die Studentin der Rehabiliationspsychologie aktiv werden.

Warum nicht in Stendal?

Seit Monaten schon gingen damals Schüler an den Freitagen statt in den Unterricht zu Protestveranstaltungen. Wäre es nicht möglich, in Stendal ähnliche Aktionen zu starten? Mit ihrem Wunsch war sie nicht allein. Ihrer Kommilitonin Isabella Lang war aufgefallen, dass Sachsen-Anhalt beim Blick auf die deutschlandweite Verteilung der Ortsgruppen ein großer weißer Fleck war. Das zu ändern, sollte doch nicht zu schwer sein, sagte sich die 26-Jährige.

Die perfekte Gelegenheit bot sich während der Freiwilligen-Woche im September des vorigen Jahres, als sich mehrere sozial engagierte Gruppen in Stendal präsentierten. Also meldete sie zum Abschluss den ersten Stendaler Klimastreik an. „Da kamen 300 Demonstranten. Wir haben gemerkt, dass das Thema Klimaschutz in Stendal auf positive Resonanz stößt“, erinnert sich Isabella Lang an die erste große Aktion.

Streik bringt Auftrieb

Natürlich sind mittlerweile nicht alle Teilnehmer des Streiks bei Fridays for Future Stendal aktiv, dennoch gab die Aktion einen enormen Auftrieb. Mittlerweile zählt die Gruppe 30 Mitglieder, von denen zehn den harten Kern bilden. Hatten sich die meisten vorher im Privaten für den Klimaschutz eingesetzt, wagten sie nun den Schritt in die Öffentlichkeit.

Was sie dabei schnell merkten: Für ihr Anliegen ernten sie nicht nur Beifall. Im Gegenteil. Die Kritik, zumal im Internet in den sozialen Medien geäußert, kann harsch sein. Sich von Anfeindungen beeindrucken zu lassen, kommt für die Stendaler Klimaschützer aber nicht in Frage. Stattdessen nehmen sie kritische Beiträge sportlich. Versuchen, sachlich darauf einzugehen und mit Argumenten zu überzeugen. Je nach dem, aus welcher politischen Ecke die Angriffe kommen, würden sie die Attacken schlicht als Bestätigung ihrer Arbeit ansehen. „Hin und wieder fasst man es wirklich als Kompliment auf, wenn man angegangen wird“, fasst Gergor Lauckert diese Einstellung zusammen.

Auf Campus getroffen

Der 21-Jährige wohnt in Stendal und studiert Mathematik in Berlin. Er stieß nach besagtem Klima-Streik zur Gruppe. Ein Hinweis darauf, dass die Mitglieder von Fridays for Future Stendal nicht nur an der Hochschule Magdeburg-Stendal zu finden sind, auch wenn dies auf den ersten Blick den Eindruck machen könnte. „Zu Beginn haben wir uns auf dem Campus getroffen, da konnte schnell der Eindruck entstehen“, sagt Isabella Lang.

Die Gruppe sei aber drum bemüht, so offen wie möglich zu sein. „Je diverser, desto besser“, bringt es Gregor Lauckert auf den Punkt. So sind Berufstätige genauso engagiert wie Rentner. Jürgen Lenski zum Beispiel. Der Rentner wohnt in Stendal und traf Isabella Lange einmal zufällig im Zug von Berlin nach Stendal. Einmal ins Gespräch gekommen, waren sich beide einig, dass er Fridays For Future Stendal durchaus bereichern könnte. Zumal ihn das Thema Klimaschutz schon seit einigen Jahrezehnten am Herzen liege, wie er im Gespräch in der Kleinen Markthalle berichtet: „Da haben wir bereits vor 40 Jahren während des Biologiestudiums drüber diskutiert.“

Kleine Schritte gehen

Mit anderen Worten: Die Stendaler Klimaschützer haben den Anspruch, nicht nur im studentischen Milieu aktiv zu sein. Sie wollen in die Gesellschaft hineinwirken, auch abseits des Campus. In der vergangenen Woche starteten sie eine Müllsammelaktion, die nächste Kleidertauschbörde auf dem Winckelmannplatz Anfang Juli ist in Planung.

Nicht von ungefähr übergaben sie vor drei Wochen einen Forderungskatalog an Landrat Patrick Puhlmann (SPD). Im Mittelpunkt stand dabei in erster Linie die Verkehrspolitik im Landkreis. Die soll nach den Wünschen der Klimaschützer nämlich noch mehr auf den öffentlichen Personennahverkehr und Fahrrad-und Fußververkehr setzen. „Stendal hat aus unserer Sicht definitiv die Chance, sich zu einer Fahrradstadt zu entwickeln. Dieses Potential sollte man nicht ignorieren“, sagt Gruppenmitglied Josefine Berghäuser.

Sich noch stärker mit den lokalen Politikern und der Verwaltung in Verbindung zu setzen, sei ein Ziel der Gruppe. Da bestehe noch etwas Nachholbedarf. „Es tut sich langsam was. Aber mit einigen Ämtern sind wir in Kontakt“, so Berghäuser. Der Ansatz dabei: So konstruktiv wie möglich zu diskutieren. Um in kleinen Schritten zum Erfolg zu kommen.