Letzlingen l „Der Wolf tut den heimischen Wildbeständen gut.“ Kurz und knapp formuliert Horst Schulze, Leiter des Bundesforstbetriebes Nördliches Sachsen-Anhalt und Wolfsbeauftragter der Bundesforst auf dem Truppenübungsplatz Altmark, seine Kernaussage in Sachen Wolf. Er reagiert damit auf einen Leserbrief von Joachim Brenz (Volksstimme vom 29. September). Brenz, selbst Jäger, hatte die Bejagung des Wolfes fordert. Horst Schulze dagegen sieht dafür keinerlei Gründe. Im Gegenteil. „Das Wild bleibt vital und wird wieder wild im engeren Sinne“, so Schulze. Im Gegensatz zum Wild lasse sich gerade beim Wolf durch dessen Lebensweise gut nachweisen, wie groß die Population sei. Das sei die entscheidende Kenngröße für sachliche Aussagen und gegebenenfalls Handlungsnotwendigkeiten. „Wölfe leben territorial und hinterlassen Spuren. Aus diesen Spuren lässt sich zusammen mit Sichtungsmeldungen, Fotonachweisen und genetischen Nachweisen eine präzise Aussage über die Populationsgröße treffen“, erklärt Schulze.

Die Erfassung erfolge auf einer wissenschaftlich anerkannten Grundlage, dem Wolfsmonitoring. Aktuelle Zahlen für die Region habe Andreas Berbig von der Referenzstelle Wolf des Biosphärenreservates Mittelelbe unlängst vor dem Klötzer Stadtrat vorgestellt (Volksstimme-Bericht vom 22. September). Die auf wissenschaftlichen Beobachtungen basierenden Zahlen würden oft in Frage gestellt – besonders gern von Jägern. Das schüre die Angst vor einer angeblich uferlos anwachsenden Wolfspopulation. „Doch wer das Monitoring anzweifelt und andere Zahlen für wahrscheinlich hält, muss diese auch belegen. Diese Aufforderung möchte ich gern an die Jägerschaft richten“, betont Schulze, der darauf verweist, dass sich der Landesjagdverband Sachsen-Anhalt zur Mitarbeit beim Wolfsmonitoring vertraglich verpflichtet habe.

Angebot bestimmt Nachfrage

Schulze führt zur Versachlichung der Diskussion einen grundsätzlichen Fakt hinsichtlich der Entwicklung von Wildtieren an – „Ökologie für Anfänger“, wie er es bezeichnet. „Das Angebot bestimmt die Nachfrage. Das heißt für die Wolfspopulation, dass sie solange weiter anwachsen wird, bis die möglichen Lebensräume besetzt sind“, so Schulze. Die Ansprüche des Wolfes seien bescheiden. Die Tiere benötigten Nahrung und Rückzugsmöglichkeiten. Beides gebe es in Deutschland reichlich. Wissenschaftliche Untersuchungen gingen von einem Potenzial für bundesweit zirka 400 Wolfsrudel aus, was etwa 1000 ausgewachsenen Wölfen entsprechen würde. „In welchem Zeitraum das passieren wird, bleibt abzuwarten. Aber welchen vernünftigen Grund gäbe es einzugreifen und damit einer Tierart den vorhandenen, natürlichen Lebensraum zu verweigern?“, fragt Schulze.

Bilder

Im Übrigen unterlägen auch Wölfe Mortalitätsfaktoren, die den Bestand beeinflussen, etwa Verkehrsunfälle, Krankheiten, Unfälle beim Jagen von Beutetieren, Auseinandersetzungen mit Artgenossen - und leider auch illegale Abschüsse. Um Schäden an Nutztieren durch den Wolf zu minimieren, rät Horst Schulze dringend zu konsequenten Präventionsmaßnahmen. Diese Maßnahmen blieben auch notwendig, wenn der Wolf bejagt werden würde. Schulze, selbst Jäger, verweist darauf, dass durch die Bejagung des Wolfes Übergriffe auf Nutztiere sogar zunehmen könnten. "Eine selektive Bejagung könnte die Jägerschaft nicht leisten. Eine nicht selektive Bejagung bedeutet die Gefahr der permanenten Zerstörung der Sozialstruktur der Wolfsrudel. Wir kennen das Phänomen aus der Schwarzwildbejagung“, so Schulze. Eine Rotte ohne Leitbache verursache mehr landwirtschaftliche Schäden als eine gut geführte Rotte mit intakter sozialer Struktur. „Wo soll hier die Wolfsbejagung eine Lösung sein?“, fragt der Revierförster.

Kein Rückgang der Wildbestände

Auch auf die von Joachim Brenz im Leserbrief beschriebene Dezimierung der Wildbestände durch den Wolf geht Schulze ein. „Die amtlichen Streckenergebnisse für die anderen Schalenwildarten in Sachsen Anhalt sind in den letzten Jahren nicht zurückgegangen“, fasst Schulze zusammen. Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen und die vielen von Wildverbiss betroffenen Baumbestände in den Wäldern würden ebenfalls ein anderes Bild auf aufzeichnen. Wie der Revierförster weiter ausführt, geben Nahrungszusammensetzungsanalysen auf der Basis von eingesammeltem Wolfskot ein sehr genaues Bild vom Nahrungsspektrum der Räuber. Kombiniert mit dem Nahrungsbedarf und heruntergerechnet auf das Territorium und die Individuen eines Rudels komme man auf sehr realistische Zahlen bezüglich des durch die Wölfe verspeisten Schalenwildes.

„Wir Jäger schießen nach wie vor weitaus mehr, als die Wölfe erbeuten“, betont Schulze, „nicht wegzudiskutieren ist allerdings eine Verhaltensänderung des Wildes.“ Durch die von Natur aus vorgesehene evolutionsbiologische Einwirkung der Wölfe auf ihre Beutetiere in Form von Konditionierung und Selektion würden deren Sinne zwangsläufig geschärft. Es überlebten in erster Linie die aufmerksamsten und vitalsten Tiere. „Das ist ein Grundprinzip der Evolution, das unsere wunderbaren heimischen Wildarten in Zehntausenden von Jahren zu dem gemacht hat, was sie heute sind“, stellt Schulze klar. 150 Jahre ohne Wolf, ersetzt durch Hege mit dem Futtereimer und Selektionsabschuss, seien in diesem Sinne wenig hilfreich gewesen. „Die Jagd wird allerdings anspruchsvoller. Die Spreu wird sich vom Weizen trennen“, betont Schulze.

Es reiche nicht mehr aus, wie immer an der Kirrung oder am extra angelegten Wildacker zu sitzen, um Beute zu machen. Auch die Jäger müssten ihre Sinne schärfen und ihr jagdhandwerkliches Leistungsvermögen steigern, um erfolgreich zu sein. „Wir Jäger werden praktisch durch den Wolf gleich mitkonditioniert, und das kann uns nur gut tun“, so Schulze. Was das Muffelwild betrifft, so sei das eine durch den Menschen ausgebrachte, nicht heimische und auch nicht lebensraumangepasste Wildart. Vor dem Hintergrund eines sich wieder normalisierenden und stabilisierenden Ökosystemes habe das Muffelwild aufgrund seines nicht vorhandenen Fluchtverhaltens im Flachland nach Ansicht von Schulze kaum eine Überlebenschance. Eine Notwendigkeit der Bejagung des Wolfes, so Schulze weiter, lasse sich auch daraus nicht nachvollziehen.