Letzlingen l Mit seinen 232 Quadratkilometern ist das Gefechtsübungszentrum (GÜZ) Heer in Letzlingen nach Bergen der zweitgrößte militärische Übungsplatz Deutschlands. Kurz vor ihrer Verlegung ins Ausland absolvieren die unterschiedlichen Verbände hier ein letztes Training, das sie auf die kommenden Einsätze vorbereiten soll. Dabei werden Übungen durchgeführt, bei denen unter anderem der Kontakt mit der zivilen Bevölkerung, wie er bei Auslandseinsätzen üblich ist, geübt wird. Diese werden mit eigenen Darstellungskräften simuliert.

Einer dieser Soldaten in darstellender Funktion ist Jörg Kayser. Der 26-Jährige kommt gebürtig aus Frankenberg in Sachsen, wohnt jedoch seit 2013 zusammen mit seiner Freundin in Wannefeld. Um 5 Uhr klingelt morgens sein Wecker, ehe er sich auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz im Gefechtsübungszentrum in Letzlingen macht. Sein Arbeitstag beginnt um 6.30 Uhr mit einer Menge Vorbereitungen: „Als erstes müssen wir unsere AGDUS-Westen prüfen.“

AGDUS – Das steht für Ausbildungsgerät Duellsimulator, ein taktisches laserbasiertes Waffentrainingssystem der Bundeswehr für die Direktsimulation von Gefechtsübungen. Kurz gesagt: Die Waffen schießen nicht mit scharfer Munition, sondern mit Platzpatronen und Licht, das von den Detektoren an den Westen aufgefangen wird und als Treffer registriert wird. „Es folgt der Munitionsempfang. Alles muss geprüft und sicher auf den Transportpanzern verstaut werden, ehe wir uns an die Verpflegung machen. Jeder bekommt für die Übungen ein Paket mit Brötchen und Früchten. Das ist besonders wichtig, da eine Übung auch schon mal über mehrere Tage gehen kann. Dafür übernachten wir dann natürlich draußen vor Ort,“ erklärt der 26-Jährige und fügt an: „Aber bei längeren Übungen kommt hin und wieder sogar unser Imbisswagen vorbei. Auf dem Display wird dieser sogar mit einem kleinen Bratwurst-Symbol abgebildet.“

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Befehl: Ohnmächtig werden

Anschließend geht es an die Rollenverteilung der heutigen Übung. Für Jörg Kayser ist in der heutigen Übung die Verletztenrolle vorgesehen. „Nach einer Explosion werde ich ein Schädelhirntrauma und einen Tinnitus erleiden. Wenn die übenden Einsatzkräfte eintreffen und mich behandeln, soll ich außerdem noch ohnmächtig werden.“ Das heutige Ziel für die Soldaten ist der Spitze Turm, ein ehemaliger russischer Bunker, auf dem ein Gebäude mit einem hohen Turm errichtet wurde. Um das Gebäude herum verläuft eine stabile Mauer mit einigen Einlassungen für die Flucht.

Die Grundstory der Übung: Einige bewaffnete afghanische Rebellen halten verletzte deutsche und afghanische Soldaten gefangen. Deutsche Rettungstrupps in Kooperation mit Kräften des georgischen Militärs eilen zu Hilfe. Die Soldaten nehmen ihre Positionen ein. Auf dem Turm wartet der Hauptmann auf Neuigkeiten aus dem Lager der Rettungskräfte. Lange Zeit müssen Jörg Kayser und seine Mithäftlinge warten, doch dann das – ein lauter Knall ertönt. Am Horizont tauchen Späh-Fahrzeuge der Bundeswehr auf. Sie haben Rauchgranaten gezündet und verschwinden im dichten Rauch. Schüsse von Maschinengewehren sind zu hören. Wahrscheinlich sind die Einheiten der Bundeswehr auf die Darsteller der afghanischen Rebellen gestoßen. Das Szenario ist noch nicht übersichtlich, doch für Jörg Kayser ist es durch die tägliche Routine keine extreme Situation, sondern beruflicher Alltag. „Wir vertreiben uns die Wartezeit meist mit Gesprächen oder Späßen, bis es dann losgeht,“ erzählt der 26-Jährige.

Immer mehr Fahrzeuge und Soldaten nähern sich dem Spitzen Turm. Sie drängen die Rebellen aus ihren Verstecken in den Hügeln und verjagen sie. Jede Aktion wird dabei von Schiedsrichter und den oberen Diensträngen scharf beobachtet und notiert. Schließlich trifft das erste Sanitätsfahrzeug am Spitzen Turm ein und leitet sofort die Versorgung der Verletzten ein. „Das haben sie echt gut gemacht. Ich habe schon einige Verletzungen gespielt, wie eine Rippenfraktur zum Beispiel, aber heute war ich echt positiv überrascht.“

Zum Hubschrauber transportiert

Nach der Erstversorgung wird der Wannefelder in das Fahrzeug getragen und zum Hubschrauber transportiert. Danach ist das Schauspiel der Übung vorbei und er darf sich das falsche Blut von der Stirn wischen.

„Für uns geht es jetzt weiter mit dem Reinigen der Fahrzeuge und der Waffen. Am Abend geht es dann nach Letzlingen zum Zugabend in die Kneipe. Oder wir fahren ins Kino nach Magdeburg oder Salzwedel. Mal sehen, was noch so ansteht.“ Für die übenden Rettungstruppen folgt die Auswertung durch die Schiedsrichter und Beobachter der Übung. Dazu gehören auch die georgischen Gäste, die für zwei Wochen ihr Lager im Gefechtsübungszentrum beziehen.

Neben Georgien waren auch schon Einheiten aus den USA und den Niederlanden in Letzlingen zu Gast. Jede Handlung und Entscheidung wird von dem Schiedsgericht strengstens aufgezeichnet. Sogar ein Kameramann war vor Ort und nahm alles auf.

Als Kraftfahrer unterwegs

Aber nicht nur auf dem Feld, sondern auch innerhalb der Büromauern arbeiten Soldaten für das GÜZ. So auch Benjamin Plath. Der gebürtige Jercheler ist im Innendienst tätig und fungiert als Kraftfahrer und Gehilfe des Versorgungsdienstfeldwebels. Er kümmert sich überwiegend um die Pflege und Wartung des Materials für die Übungen.

„Ich kümmere mich größtenteils um die Versorgung der Truppen. Dazu zählen die Ausrüstung mit AGDUS-Systemen und ihren Akkus, die Munitionsausgabe und der -empfang und generell die Einkleidung der Soldaten,“ erklärt der 29-Jährige. Derzeit wohnt er mit seiner Partnerin in Weteritz. Auch Plaths Arbeitstag beginnt um 6.30 Uhr.

Auf dem 232 Quadratkilometer großen Land, das einst Jagdgebiet des Kaiser und des Adels war, ist für die Mitarbeiter des GÜZ in Letzlingen kein Tag wie der andere. Ab 2017 gehört dazu auch noch die Übungsstadt Schnöggersburg. Es gibt so viele unterschiedliche Übungen, die meist auf tatsächlichen Begebenheiten und Erfahrungsberichten der Soldaten basieren, dass es an Abwechslung wahrlich nicht mangelt.