Mieste l „Schön habt ihr es hier.“ Gardelegens Pfarrer in Ruhe, Horst Dietmann, blickt sich erstaunt in der Miester Kirche um. In der Hand hält er demonstrativ ein Glas Wasser. „Sauberes Trinkwasser, das richtig gut schmeckt, eine Selbstverständlichkeit hierzulande“, betont Dietmann. Doch nicht überall ist es das. Wie im Sudan etwa. Dort müssen die Menschen lange Wege in Kauf nehmen, um Wasser aus Brunnen zu schöpfen. Und dann beginnt Dietmann zu lesen und fesselt seine junge Zuhörerschaft. „Der lange Weg zum Wasser“ ist der Titel des Buches, geschrieben von Linda Sue Park. Und es erzählt die Geschichte der elfjährigen Nya, die jeden Tag acht Stunden laufen muss, um Wasser aus einem Brunnen zu holen, und es erzählt die Geschichte des elfjährigen Salva, der aus seinem zerstörten Dorf im Sudan vor Krieg und Zerstörung flüchtet. Beide sind unterwegs.

Schlafsäcke in der Kirche

„Unterwegs“ ist auch das Thema der achten Miester Kirchenlesenacht am Freitagabend in Mieste – nicht zuletzt aus aktuellem Anlass mit Blick auf die Flüchtlingsproblematik. Aber auch im friedlichen Alltag seien die Menschen auf Achse. „In der Bibel sind die Leute ständig unterwegs“, sagt Gemeindepädagogin Christel Schwerin, eine der Hauptorganisatorinnen der Miester Kirchenlesenächte. Unterwegssein gehöre zum Leben. Das mache das Leben reicher und schöner. Unterwegs würde man viel erleben. Neben Dietmann lesen am Freitagabend Max Libberoth, Jürgen Winkelmann, Oliver Schütze, Thomas Neuschulz, Bernd Libberoth und Kathrin Heidemann.

Doch bevor es richtig los geht, werden die Luftmatratzen aufgeblasen, die Taschen verstaut. Eine Schlafstation ist der Riesebergsaal. Die Größeren dürfen sogar in der Kirche übernachten. Dort liegen zwischen den Kirchenbänken die Matratzen, Taschen, Decken und Taschenlampen – ein ungewöhnliches Bild. Geschlafen wird auch in der Pfadfinderjurte, die im Pfarrpark aufgebaut ist. Vorgelesen wird dann im Halbstundentakt, im Riesebergsaal, in der evangelischen Kirche, in der katholischen Kirche und in der Jurte. Zwischendurch gibt es Pausen zum Essen, Trinken, Spielen und Basteln. Zu späterer Stunde findet eine Kirchenentdeckertour mit Turmbesteigung und Orgelspiel statt. Später wird dann im Pfarrpark – die Wege sind mit Kerzen beleuchtet – ein Lagerfeuer entzündet. Kurz nach Mitternacht geht es zum Schlafen. Einige holen ihre Taschenlampen raus und lesen weiter.

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Gemeinsames Frühstück

Am Sonnabendmorgen endet das Abenteuer Lesenacht mit einem gemeinsamen Frühstück. Über 60 Mädchen und Jungen von der ersten bis zur sechsten Klasse aus Mieste und den umliegenden Orten sind der Einladung zur achten Lesenacht gefolgt. Eine Resonanz, die Christel Schwerin beeindruckt und erfreut. Zeigt es doch, dass das Interesse groß ist und der Aufwand sich lohnt. Viele Helfer, darunter Eltern, Mitglieder der Pfadfindergruppe und Konfirmanden, haben auch in diesem Jahr für eine spannende Lesenacht gesorgt – und das bei bestem Wetter.