Kalbe l „Erst habe ich gedacht: So etwas braucht doch kein Mensch. Aber dann habe ich gemerkt: Das ist gar kein altertümlicher Kram. Das geht zum Teil richtig nach vorn.“ Sebastian Krüger (43) schildert mit diesen Worten jenen Moment, als er das erste Mal mit den „Liedern der Altmark“ in Berührung kam. Sein jüngerer Bruder Michael (40) hatte sie da schon alle mindestens einmal angespielt – und für mehr als gut befunden, sich näher damit zu befassen.

Altes Büchlein gefunden

Entdeckt hat sie der Vater der beiden, Henning Krüger. Und zwar in der alten Kirchenbibliothek von Kalbe. Er, der als Heimatforscher immer wieder sämtliche Archive in der Region, und auch darüber hinaus, durchforstet, war von seinem Jüngsten gebeten worden, doch einmal gezielt nach Liedern aus der Altmark Ausschau zu halten. Und in dem Büchlein „Der Altmärkische Musikant“ wurde der Vater im Jahr 2017 schließlich auch fündig.

Es handelt sich um ein Werk aus der Zeit um 1930, das von Pfarrer Paul Koch aus Krusemark mitgestaltet worden ist. Im hinteren Bereich des Büchleins findet sich jede Menge von ihm zusammengetragenes Material. Es umfasst teils kurze Stücke für eine einzige Gesangsstimme, teils aber auch dreistimmige Lieder, Kanons, Menuette und Tänze. Letzteren liegen sogar Anweisungen zu Schrittfolgen bei. Und nicht wenige Lieder sind in Altmärker Platt getextet.

Bilder

Michael Krüger war begeistert, als ihm der Vater das Büchlein vorlegte. Und er zog auch seinen Bruder hinzu. Beide Kalbenser sind Multiinstrumentalisten, die schon in verschiedenen Musikprojekten im Folk-, Rock-, aber auch Klassikbereich mitgewirkt haben und die auch singen können. Und so erarbeiteten sie gemeinsam nach und nach jene Stücke aus dem Liedbuch, die ihnen für den Eigengebrauch geeignet schienen. Und sie stellten sie dann sogar öffentlich vor. Gemeinsam mit ihrem Vater gestalteteten sie 2017 und 2018 nämlich mehrfach musikalische Lesungen zur Altmark-Geschichte, die stets sehr großen Anklang fanden.

Also entstand die Idee, aus dieser Musik eine CD zu machen. Sebastian Krüger verfügt über das notwendige, technische Equipment. Das, was noch nicht an Ausstattung vorhanden war, das wurde im Internet nachbestellt. Und so wurden dann schließlich zehn Stücke ausgewählt, die den Brüdern am geeignetesten für die Veröffentlichung erschienen. Zuerst wurde stets die Leitstimme aufgenommen, und dann jedes Stück mit Instrumentalbegleitung und teils auch Zweitstimme angereichert. Michael und Sebastian Krüger brachten dabei neben ihrem Gesang die Gitarre, das Klavier, die Mandoline, die Violine, die Trompete, den Bass, das Xylophon und auch Perkussion zum Einsatz. Das Spiel dieser Instrumente haben sie sich teilweise autodidaktisch beigebracht.

Dabei sind die beiden keinesfalls auch beruflich in der Künstlerszene verortet. Der eine ist Psychologe, der andere Handwerksmeister. Zudem sind beide zweifache Familienväter, die auch ihre Kinder schon mit den Altmark-Liedern vertraut gemacht haben – und deren kreatives Hobby von den Ehefrauen unterstützt wird.

Die müssen immer mal wieder auf ihre Männer verzichten, wenn diese im früheren Party- und heutigen „Vati-Raum“ an der Milde proben oder an neuen Ideen tüfteln. „Es gibt noch so viel Potenzial“, sagt Michael Krüger, der auch im Innenteil des von seinem Vater entdeckten Büchleins fündig geworden ist. Auch dort gibt es nämlich Musik, die es wert ist, weiter gespielt zu werden. „Diese Lieder sind alles andere als verstaubt“, fügt sein Bruder Sebastian an.

Er war es übrigens auch, der das Cover der CD „Lieder der Altmark – Altes neu entdeckt“ – sie ist seit Dezember erhältlich (siehe Textende) – gestaltet hat. Darauf findet sich ein Bild, das Vorfahren der Krüger-Brüder auf dem einstigen Familiensitz in Schenkenhorst zeigt – und das ob der gleichen Zeitebene hervorragend zu der im Innenteil befindlichen, altmärkischen Musik passt.

Es gibt schon neue Ideen

„Die ist – ganz genau vermag das niemand zu sagen – teilweise 200 Jahre alt“, sagt Michael Krüger. „Aber“, so ergänzt sein älterer Bruder, „sie klingt auch richtig modern.“ Und nicht nur das Abschluss-Stück, die Ballade „Ade, ade de Sommer geiht“, der Überlieferung nach ein Lied aus Kloster Neuendorf, macht Lust auf mehr.

Da passt es, dass bei Michael Krüger gerade eine Sendung mit Werken des Bismarker Komponisten und Musikverlegers Wilhelm Lüdecke (1868 bis 1938) eingtrudelt ist. Gefunden und gekauft im Internet. Und auch diese Noten gilt es nun, musikalisch neu zu entdecken.

Die CD (8 Euro/Stück) gibt es in der Tourist-Info, im Alten Wachhaus und hier.