Gardelegen l „Wir kommen später. Wir wissen noch nicht genau wann.“ Der junge Mann inmitten einer Kindergruppe auf dem Gardeleger Bahnhof ist ziemlich verärgert. Er muss telefonieren, Termine verschieben. Die Kinder um ihn herum nehmen es gelassen. Der Zug fällt aus. Sie finden das lustig. Ihr Erzieher nicht. Da nützt auch die Bitte um Entschuldigung nichts, die auf der Anzeigetafel der Fahrgastinformation in Endlosschleife läuft. Wer hier steht, kommt nicht weiter. Und das geht seit Tagen hunderten Fahrgästen so. Überall an den Bahnhöfen stehen sie und hoffen. Oft vergebens. Verantwortlich für das Chaos ist Abellio Rail Mitteldeutschland. Der neue Fahrdienstleister im Dieselnetz, der am 9. Dezember unter anderem die Strecke Stendal-Wolfsburg übernommen hatte, kämpft gleich beim Start mit Personalproblemen. Es ist ein desaströser Fehlstart bei Abellio.

Ausfälle und Verspätungen

Den Kunden ist das schlichtweg egal: „Abellio fährt seit dem 9. Dezember, der Fahrplan hat sich nicht verändert, trotzdem komme ich nicht mehr ohne Auto zur Arbeit“, macht Gundula Neuschulz klar. Sie muss täglich zwischen Mieste und Wolfsburg pendeln, doch „die Züge fallen einfach ohne Angabe von Gründen aus.“ Auch Verspätungen von bis zu 70 Minuten habe sie seither schon erlebt, „oder die Ansage, doch von Wolfsburg nach Stendal über Magdeburg zu fahren.“

Ein weiteres Stück aus dem Tollhaus: „In Wolfsburg kam an einem Abend die Durchsage, dass der Zug nicht in Miesterhorst hält.“ Viele Pendler seien deshalb in Oebisfelde ausgestiegen. „Sie haben herumtelefoniert und sich wohl abholen lassen.“ Nur, dass der Zug dann doch am Miesterhorster Bahnhof Halt machte ...

Viele Pendler greifen deshalb immer wieder zu Plan B und nehmen das Auto. Denn ob der Zug fährt oder nicht, kann man frühestens am Abend zuvor im Internet feststellen.

Viele Fahrzeugführer fehlen

Und das wird sich in den kommenden Wochen wohl auch nicht grundlegend ändern: „Wir werden das Problem vermutlich nicht bis zum Jahresende lösen können“, räumt Abellio Rail-Pressesprecher Matthias Neumann auf Nachfrage ein. Grundsätzlich fehlten einfach zu viele Triebfahrzeugführer. Zwischen den Feiertagen werde sich die Lage voraussichtlich ein wenig entspannen. Wie es aber im neuen Jahr weitergeht, sei noch offen.

„Wir tun aber alles dafür, um vor allem die Strecke nach Wolfsburg zu entlasten“, versichert Neumann. „Wir wissen, dass da viele Pendler fahren.“

Bereits verbessert worden sei mittlerweile das Informationssystem: „Seit Mittwoch haben wir die Leitstelle verstärkt“, so dass Kunden eine bessere Übersicht darüber bekommen würden, welche Züge ausfallen. Im Internet und auf den Bahnhöfen werde darüber informiert. Jeweils einen Tag im Voraus könne man die ausfallenden und fahrenden Fahrten einer Liste entnehmen.

Doch das Durcheinander der vergangenen Wochen hat das Vertrauen der Kunden ganz offensichtlich geschwächt. An den Bahnsteigen wird es immer leerer, die Straßen dafür voller und für die Pendler wird es deutlich teurer. Denn gültige Tickets können so oft nicht genutzt werden.

Tickets werden erstattet

Diese würden aber auf Antrag erstattet, versichert Pressesprecher Matthias Neumann. Denn das Fahrgastrecht in Deutschland gelte auch für Abellio. „Für ganz ausgefallene und verspätete Fahrten werden die Kunden natürlich entschädigt.“ Wer ein Ticket gekauft habe, bekomme den Reisepreis erstattet, wenn die Fahrt ausgefallen sei. Allerdings nur auf Antrag, der schriftlich eingereicht werden müsse. Doch die Regelung, so betont Neumann, gilt auch für Monatskarten. „Wenn man uns das einreicht, werden wir zwar nicht den gesamten Preis der Monatskarte erstatten, aber die ausgefallenen Fahrten hochrechnen.“

Viele Pendler überlegen derzeit allerdings, ob sie sich für Januar überhaupt eine Monatskarte zulegen sollen. Zumal auch das schwierig sei, versichert Gundula Neuschulz. „Bisher konnte man die Monatskarte am DB-Automaten kaufen, das geht nun nicht mehr, weil sie den Nahverkehr ja nicht mehr selber fahren.“ Nur noch an den Schaltern in Wolfsburg oder Stendal könnten Monatskarten erworben werden. „Dafür kostet die Monatskarte jetzt sechs Euro mehr, super wenn man sie dann gar nicht benutzen kann …“

„Dieser Zustand ist für ein Deutschland im Jahr 2018 und Sachsen-Anhalt, in dem keine Züge rollen, unfassbar“, ärgert sich auch Volksstimme-Leser Dirk Kulina. „Aus meiner Sicht grenzt das Verhalten fast an Betrug, an den Bahnsteigen stehen Kunden mit gültigen Tickets und Abellio kommt seinen Verpflichtungen nicht nach. Wo gibt es das in der freien Wirtschaft?“

Er sei als Auszubildender vor 30 Jahren zweieinhalb Jahre lang Pendler gewesen, sagt Kulina, „an ausgefallene Züge kann ich mich nicht erinnern. Gab es eine Baustelle, gab es Schienenersatzverkehr.“

Dass sich Abellio Rail bei vielen Altmärkern offenbar schon einen „Namen“ gemacht hat, leider nicht im guten Sinn, habe sie kürzlich im Kino in Stendal erlebt, erzählt Gundula Neuschulz. Da hatte Abellio vorm Filmstart in einem Spot für seine neuen Strecken geworben. „Das laute Murren im Kinosaal war nicht zu überhören.“