Gardelegen l „Hallo Alfred!“ Die neue Bibliothekschefin strahlt über das ganze Gesicht, als der Junge zur Tür reinkommt. „Er war gestern das erste Mal hier und war so begeistert, dass er wiedergekommen ist“, sagt sie, und die Freude über den kleinen Besucher steht ihr ins Gesicht geschrieben. Oben im Mehrzweckraum trifft sich der Deutschkurs. Flüchtlinge lernen dort die neue Sprache und schauen auch schon mal in die Bücher hinein. Demnächst wird es wieder Veranstaltungen geben, Konzerte, Vorträge und jede Menge Besucher – das neue Reich von Laura Zerneke. Ein Treffpunkt für Menschen. „Das ist ein ganz tolles Haus, eine große Bibliothek, die Nutzer, die gute Vernetzung, man merkt einfach, dass die Leute sich hier gern treffen“, schwärmt Laura Zerneke.

Die zierliche 28-Jährige mit dem schulterlangen braunen Haar ist gebürtige Gardelegerin und hat die Bibliothek als Nutzerin, aber auch durch ein Praktikum während ihres Studiums schon kennengelernt. Sie hat ihr Abitur am der Geschwister-Scholl-Gymnasium erworben, machte dann ihren Bachelorabschluss im Fach Bibliotheksmanagement in Potsdam und anschließend ihren Master, ebenfalls in Potsdam, im Fach Informationswissenschaften. Der Titel ihrer Abschlussarbeit im Jahr 2012 lautete: „Die Funktion von Bibliotheken in der Wissenschaftsgesellschaft.“

Zweieinhalb Jahre in Clausthal-Zellerfeld

Zweieinhalb Jahre hat sie in der Universitätsbibliothek der Technischen Universität in Clausthal-Zellerfeld gearbeitet, dort Bücher katalogisiert, Nutzerschulungen geleitet und die elektronischen Zeitschriften betreut. „Das war gut, weil es so vielseitig war. Ich konnte vieles ausprobieren und herausfinden, was mir liegt und was ich vertiefen wollte.“

Ein vollkommenes Kontrastprogramm zu dem eher auf Wissenschaft ausgelegten Betrieb in der Clausthal-Zellerfelder Bibliothek erlebte sie in den folgenden zweieinhalb Jahren. Da war sie in Braunschweig am Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung. Hier war sie als Projektkoordinatorin tätig und hat eine Datenbank mit Lehrplänen betreut. „Das war etwas komplett anderes. Es hat auch viel Spaß gemacht, aber man hatte sehr wenig Kontakt mit anderen Menschen, immer nur mit dem Projektteam.“

Als echte Gardelegerin wollte sie aus der Hansestadt allerdings nicht weg. Das bedeutete zweieinhalb Jahre pendeln zwischen Gardelegen und Braunschweig. Und da sie im April geheiratet hat und ihr Mann Marcus nach Magdeburg pendelt, kam die Ausschreibung für den Bibliotheksleiterposten in ihrer Geburtsstadt wie gerufen. „Es ist unbefristet und es ist in meiner Heimat“, sagt sie. Eine traumhafte Kombination also.

Die Leseförderung liegt ihr am Herzen

„Ich möchte die Bibliothek zukunftssicher gestalten“, sagt die neue Chefin. Auf jeden Fall solle das aber im Team geschehen, die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen sei ihr wichtig. „Was auf jeden Fall bleiben wird, ist die Leseförderung für die Kinder und Jugendlichen. „Die Schüler, die hierher kommen, die kennen die Bibliotheksmitarbeiter schon mit Namen – und die Lehrer wundern sich manchmal“, hat sie schon beobachtet.

Eine richtige Leseratte sei sie nicht gewesen in ihrer Jugend, gesteht die neue Bibliothekschefin lachend. Ja, privat und vor allem im Urlaub lese sie auch mal ein gutes Buch, meist Biografien oder Historisches, vor allem guckt sie gern Filme und Serien. Gerade liest sie „Das Leben der Queen“ von Thomas Kielinger. „Ich bin eher Papierbuchleser“, sagt sie, auch Zeitschriften bevorzugt sie noch in der klassischen Papierform, freut sich allerdings schon darauf, wenn es eines Tages freies W-Lan in der Bibliothek gibt und die Nutzer ihre E-Books direkt vor Ort herunterladen können und Kinder und Jugendliche in den Bibliotheksräumen auch online arbeiten können.

Gesucht: Ein Studium ohne Mathematik

Und wie kommt jemand ohne Leseratten-Vergangenheit ausgerechnet auf die Idee, Bibliothekarin zu werden? Ich wollte immer eine Art Verwaltungsberuf lernen – nach Möglichkeit mit wenig Mathe.“ Ein für viele verständlicher Wunsch, den die Studienordnung ihr erfüllte: „Ich hatte nur ein Semester Stochastik – und das habe ich geschafft“, verrät sie augenzwinkernd.

Privat treibt sie gern Sport, hauptsächlich im Fitnesscenter, ist gern mit der Familie oder Freunden zusammen, liebt die Natur und geht gern ins Kino.

Dias aus der Toskana

Inzwischen hat sie sich schon ein wenig eingelebt und genießt die Arbeit im neuen Team. „Ich fühle mich hier sehr gut aufgenommen, und es ist auch sehr gut, dass man die anderen fragen kann“, sagt sie. Ihre nächsten Termine sind am 25. Oktober eine Bibfit-Veranstaltung mit Kindern, die die Bibliothek kennenlernen wollen, und dann am 27. Oktober eine Diatonshow über die Toskana.

Nächste Woche wird sie auch den Förderverein der Bibliothek kennenlernen. Auf die kulturellen Veranstaltungen zusammen mit dem Verein freut sie sich schon. Und auf ganz viele Kontakte und Gespräche mit den Nutzern der Bücherei.

„Und – hast du etwas gefunden?“, ruft sie dem kleinen Alfred nach, der gerade mit einem dicken Buch zum Ausgang marschiert. Der Junge nickt eifrig, umklammert seine Beute und winkt der neuen Bibliothekschefin fröhlich zu. Der erste Nutzer für heute ist also schon einmal zufriedengestellt.