Gardelegen l Modern, erschütternd und mit einem einzigartigen Zugang wird im neuen Dokumentations- und Besucherzentrum auf der Gedenkstätte Isenschnibbe das Massaker von Gardelegen thematisiert. Im Beisein von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wurde das neue Gebäude in dieser Woche eröffnet. Es stellt immer wieder Bezüge zum Geschehen von einst her, als am Kriegsende 1945 vor den Toren der Hansestadt Gardelegen mehr als 1000 Menschen auf grausame Weise ermordet wurden.

In seiner Rede zur Eröffnung des Dokumentationszentrums unterstrich Steinmeier die große Bedeutung dieser Erinnerungsstätten besonders in der heutigen Zeit. Und am Ende betonte das Staatsoberhaupt: "Wenn ich mir als Bundespräsident heute noch etwas wünschen darf, dann das: Dass möglichst viele Schülerinnen und Schüler mindestens einmal in ihrer Schulzeit eine Gedenkstätte wie die Ihre besuchen, damit sie wissen, was geschehen ist."

56 Prozent für Pflichtbesuche

Steinmeier griff damit eine Diskussion vom Jahresbeginn auf. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes YouGov im Auftag der Deutschen Presse-Agentur ergab im Januar, dass sich 56 Prozent der Deutschen für Pflichtbesuche von KZ-Gedenkstätten während der Schulzeit aussprechen. Allerdings meinte auch jeder fünfte Befragte, dass der Holocaust in der deutschen Erinnerungskultur eine zu große Rolle einnehme. Unter Wählern der Alternative für Deutschland (AfD) sind diejenigen, denen das Gedenken zu viel ist, sogar mit 56 Prozent in der Mehrheit.

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Die Schüler der Arbeitsgemeinschaft (AG) Stolpersteine am Gymnasium "Geschwister Scholl" Gardelegen greifen die Thematik von sich aus auf, besuchen regelmäßig die Gedenkstätte Isenschnibbe und engagieren sich für die Stolperstein-Verlegung in ihrer Stadt. Mit Jolina Schlaß, David Wolfowski und Elisabeth Schönegge hatten drei Schüler der AG, zum Teil Ehemalige, am Dienstag, 15. September, die Gelegenheit, direkt mit dem Bundespräsidenten ins Gespräch zu kommen.

Immer weniger Zeitzeugen

"40 Minuten hat er sich Zeit genommen", berichtet Lehrerin Andrea Müller, die die AG gemeinsam mit ihrer Kollegin Nadja Müller leitet. Und Andrea Müller befürwortet den Wunsch Steinmeiers ohne Wenn und Aber: "Das wird für die Erinnerungskultur immer wichtiger, wenn man bedenkt, dass es immer weniger Zeitzeugen gibt."

Mindestens einmal im Jahr, zum Jahrestag der Pogromnacht am 9. November, gibt es an der Schule einen Projekttag. In dessen Rahmen gehen die Schüler unter anderem den Weg der Häftlinge, die in Isenschnibbe umkamen, auf dem Gebiet der Stadt Gardelegen nach. "Es ist einfach Teil unserer Heimatgeschichte", betont die Lehrerin. Viele Schüler des Gymnasiums würden sich bei dem Thema engagieren, allein 29 Jugendliche ab der 9. Klasse waren im vergangenen Jahr Teil der AG Stolpersteine.

Und Andrea Müller betont, dass die Mitarbeit in der AG auch Lebenswege und die politische Haltung nach der Schule präge. So berichtet die Lehrerin von zwei Schülerinnen, die sich für ein Studium der Politik und Sozialwissenschaften sowie Journalismus entschieden haben. Für ihr besonderes Engagement wurde die Arbeitsgemeinschaft 2018 mit dem Bürgerpreis des Altmarkkreises in der Kategorie U21 ausgezeichnet.

Viele Fragen gestellt

Dankbar zeigte sich Müller über das große Interesse des Staatsoberhauptes am Engagement der Jugendlichen. "Der Bundespräsident und seine Frau haben viele Fragen gestellt", berichtet die Lehrerin. Dabei sei es um die Motivation der Schüler gegangen, wie sie sich organisieren oder wie viel Zeit sie dafür investieren. "Es war eine große Wertschätzung", freute sich die Pädagogin.

Und die Schüler konnten bereits Neuigkeiten mitteilen: Am 27. November sollen die nächsten Stolpersteine in Gardelegen verlegt werden.