Gardelegen/Letzlingen l Die Gratulantenschar am 31. Juli nahm im Handwerkersaal des Schützenhauses kein Ende. Denn neben der Familie wollten auch zahlreiche Letzlinger Dorothea Stephan zum besonderen Jubiläum gratulieren. Sie wurde 100 Jahre alt. Für sie selbst unfassbar. „Damit habe ich nie und nimmer gerechnet“, sagte sie immer wieder.

Weg in die Altmark war schwer

1955 kam sie mit ihrer Familie über Stationen in Ipse und Gardelegen in Letzlingen an, das zu ihrer zweiten Heimat wurde. Sie waren am Ende des Zweiten Weltkrieges aus dem schlesischen Glogau, heute das polnische Głogów, geflüchtet. Die schwerste Zeit ihres Lebens, wie sie sagte, denn sie verlor in dieser Zeit zwei Kinder.

Und als sie in der Altmark mit fast nichts ankamen, verloren sie auch noch das Wenige, was ihnen geblieben war. „Wir wurden ausgeraubt“, erinnerte sie sich 75 Jahre zurück. Doch aufgeben war nie eine Option.

In Schlesien hatten sie und ihr Mann Helmut gemeinsam mit den Schwiegereltern eine Fleischerei betrieben. Und sie blieben diesem handwerklichem Gewerbebetrieb treu. In Letzlingen konnten sie die Fleischerei von Familie Regener an der Magdeburger Straße übernehmen. Drei Jahre lang betrieben sie sie privat.

Dann übernahm zwar der Konsum die Fleischerei, die Regie aber hatten immer Stephans inne. Sie waren eine Institution im Heidedorf. Wer Fleisch und Wurst kaufen wollte, ging zu Stephans. Und das blieb auch so, nachdem Dorothea Stephan 1980 offiziell in Rente ging.

Leben war nicht einfach, aber arbeitsreich

Ihre Nachfolgerin war nämlich ihre Schwiegertochter Hannelore Stephan. Sie privatisierte die Fleischerei nach der Wende wieder, nachdem sich der Konsum zurück gezogen hatte, und betrieb sie bis zum Jahr 2010.

Nach ihrem Renteneintritt hatte Dorothea Stephan endlich Zeit zu reisen, was sie sehr ausgiebig mit ihren damaligen Freundinnen Maria Kauer und Gerda Genz genoss. Nach der Wende, erzählt sie, waren sie gemeinsam sogar auf Mallorca. „Das war die schönste Reise meines Lebens“, berichtete die Jubilarin mit leuchtenden Augen. „Es war kein einfaches, vielmehr ein sehr bewegtes und arbeitsreiches Leben“, zog Dorothea Stephan Bilanz. Sie zog drei Kinder groß und freut sich heute über fünf Enkel und sechs Urenkel.

Vor fünf Jahren wurde das Gardelegener Johanniterhaus Rieseberg ihr neues Zuhause, in dem sie sich, wie sie sagte, auch sehr wohl fühle. Das liege auch mit daran, dass dort noch zahlreiche weitere Letzlinger wohnen, mit denen sie sich regelmäßig trifft.

Auch Letzlingens Pfarrer Gerd Hinke ist bei ihnen regelmäßig zu Gast und gehörte gestern natürlich auch zu den Gratulanten wie einige Frauen vom Mütterkreis, befreundete Paare und Anneliese Wachtel. Auch die 89-Jährige hatte es sich nicht nehmen lassen, gemeinsam mit ihrer Tochter, der Letzlinger Hausärztin Dr. Annett Lüders, zum Gratulieren zu kommen. Die Freude darüber war Dorothea Stephan anzusehen.

Auch Letzlinges Ortsbürgermeisterin Regina Lessing war natürlich im Schützenhaus, um der ältesten Bürgerin ihres Dorfes Glückwünsche zum besonderen Wiegenfest zu überbringen. Das sei auch erst das zweite Mal in ihrer 38-jährigen Dienstzeit, dass sie zum 100. gratulieren durfte.

Sie überbrachte die Glückwünsche von Gardelegens Bürgermeisterin Mandy Schumacher und vom Ortschaftsrat Letzlingen. Und dieser hatte sich ein besonderes Geschenk überlegt. Er ernannte Dorothea Stephan per Urkunde zur Ehrenletzlingerin.