Wiepke l Heutzutage nimmt man den Fotoapparat oder das Smartphone, drückt auf den Auslöser und hat die Erin- nerungsfotos im Kasten, zum Beispiel von der Hochzeit oder einem späteren Ehejubiläum. Doch das war nicht immer so. Die Fotografie entwickelte sich erst im 19. Jahrhundert und wurde auch erst Anfang des 20. Jahrhunderts für jedermann zugänglich und erschwinglich. Dennoch wollten sich die Menschen in der Altmark auch in früheren Zeiten an die Hochzeit als wichtigen Schritt im Leben erinnern. Und so wurde der Brautkranz, den die Holde am Hochzeitstag trug, in einen Kasten mit einem zumeist aufwendig gestalteten Rahmen gelegt und in der guten Stube an die Wand gehängt.

Altes Wissen bewahren und dokumentieren

Mittlerweile sind die, die noch da sind, über 100 Jahre alt. Und Friedrich-Wilhelm Gille von der Reichwald´schen Wassermühle in Wiepke hat es sich seit zwölf Jahren zur Aufgabe gemacht, das Wissen darüber zu bewahren und zu dokumentieren. Damals hatte er den ersten Brautkranz schon lange in seinem Besitz. Als er das Grundstück mit der Mühle übernahm, fand er nämlich auf dem Kornboden einen Kasten mit einem Kranz darin. Um was es sich handelte, wusste er damals nicht. Aber er nahm ihn mit und machte ihn irgendwann sauber. Der Gegenstand entpuppte sich als prachtvoller Kasten, in dem sich der Brautkranz von Caroline Reichwald, geborene Haase, befand, die am 20. März 1891 mit Gustav Reichwald getraut wurde. Das waren die Eltern des letzten Mühlenbesitzers. Das gute Stück bekam einen Ehrenplatz in der Mühle. Seitdem hat Gille 67 Brautkränze in der gesamten Altmark dokumentiert. Um die 20 sind in seinem Besitz und werden bei verschiedenen Veranstaltungen, wie beim Mühlenfest zu Pfingsten, präsentiert.

Der älteste, von ihm dokumentierte Brautkranz stammt aus Arendsee und aus dem Jahr 1852, erzählt Gille. Das Besondere daran: Er ist nach unten geöffnet, was bedeutet, dass die Braut nicht jungfräulich in die Ehe gegangen ist. Auch dieser Umstand wurde mit dem Brautkranz angezeigt – und war auch noch im 20. Jahrhundert Brauch. Und auch der bis dato älteste Beleg für einen Brautkranz in der Altmark aus dem Jahr 1687, der eine Zeichnung im Laatzker Kirchenbuch ist, ist kein geschlossenes Myrten-Rund. Der Pfarrer notierte dazu: im Februar geheiratet und im Juni taufen lassen. Das jüngste Exemplar stammt aus dem Jahr 1928.

Ältester Brautkranz aus dem Jahr 1852

In der jüngsten Vergangenheit habe er, wie der Wiepker erzählt, wieder weitere Exemplare zur Dokumentation und auch zum Restaurieren erhalten, zum Beispiel den zehnten Brautkranz aus Wiepke. Und dabei fällt auf, dass es vermehrt Kränze sind, die zur Silberhochzeit getragen wurden. Daraus könnte man laut Gille ableiten, dass sich nicht jede Braut einen Brautkranz leisten konnte. Denn sie waren zu damaligen Zeiten nicht gerade billig. Er habe einen Beleg über den Kauf eines Brautkranzes, der fünf und eine halbe Goldmark gekostet habe.

Und so manches Paar war 25 Jahre später bei der Silberhochzeit finanziell vielleicht besser aufgestellt, so dass nun ein Silberkranz für die Jubelbraut erworben werden konnte, der anschließend zur Erinnerung ebenfalls in einen gerahmten Kasten und an die Wand kam. Die Kästen waren oft auch aufwendig mit Spiegeln und Beschlägen geschmückt. Und wie schon bei den Brautkränzen zur grünen Hochzeit zeigen sich auch bei den silbernen Kränzen Unterschiede. Die meisten sind Kronen aus Kartonblättern, die ausgestanzt, zusammengesetzt und silberfarben bemalt wurden. Er habe aber auch schon ein Silberdiadem aus 800er Sterlingsilber mit passendem Sträußchen für den Silberbräutigam bewundern dürfen, erzählt Gille.

Rückbesinnung auf die Familiengeschichte

Derzeit arbeitet er an der Restauration eines silbernen Brautkranzes aus Wiepke, der sehr gut erhalten, aber sehr verschmutzt ist. Denn der Rahmen war sehr wurmstichig und die Glasscheibe fehlte. Das Innenleben des Kastens ist komplett mit Holzmehl bestäubt. Dazu kommt Staub. Aber es sind noch alle Verzierungen da, die zum Teil nur wieder ordentlich befestigt werden müssen. Gille hält einen ähnlichen silbernen Brautkranz daneben, der selbst, wie auch der Kasten, in dem er aufbewahrt wird, in einem sehr guten Zustand ist. Er war in Wiepke nur ausgestellt und geht nun, nach der entsprechenden Dokumentation, wieder nach Lindstedt zurück. Denn immer mehr Familien besinnen sich auf ihre Familiengeschichte und bewahren das Alte für die Nachwelt.

Das freut den Wiepker, der sich in nächster Zeit auch noch jeweils ein Exemplar in Pertz bei Klötze und in Klein Garz sowie vier in Arendsee ansehen und dokumentieren darf. Diese und andere Familiengeschichten sollten wie auch die Brautkränze nicht in Vergessenheit geraten. Und aus diesem Grund sucht Gille nach weiteren Exemplaren, um sie für die Nachwelt zu dokumentieren. Wer so etwas in seinem Besitz hat, wird gebeten, sich bei ihm unter Telefon 039085/64 18 zu melden.