Letzlingen/Gardelegen l Die Poesiealben, wie es sie früher gab, sind heute unter den Jugendlichen eher nicht zu finden. Daher haben die Volksstimme-Redakteure Einblicke in ihre eigenen Poesiealben aus früheren Tagen gegeben. Daraufhin hat sich eine Leserin aus Letzlingen bei der Redaktion gemeldet, die auch noch ihre Alben aufgehoben hat.

Noch heute geltende Lebensweisheiten

„Ohne Fleiß kein Preis“ – das ist auf der ersten Seite des Poesiealbums von Ursula Jacobs zu lesen. Geschrieben hatte diese Lebensweisheit kurz und knapp ihr Vater im Jahr 1944, als er auf Heimaturlaub war. „Ja, so war mein Vater“, siniert sie. Und der Spruch gelte ja heute immer noch, 76 Jahre später – „Gott sei Dank“.

Wie die 90-Jährige im Gespräch mit der Volksstimme erzählt, nehme sie ihr Poesiealbum regelmäßig in die Hand, um in Kinder- und Jugendzeit einzutauchen, die sie in Born verbracht hat. Dort ging sie die ersten Jahre auch zur Schule. Acht Klassen seien damals in einem Raum unterrichtet worden. „In meiner Altersklasse war ich dann aber irgendwann allein, weil die Jungen sitzenblieben“, lacht sie verschmitzt. Aus diesem Grund besuchte sie ab der fünften Klasse die Mittelschule in Haldensleben, nachdem sie beim Rektor die Aufnahmeprüfung bestanden hatte. Und aus dieser Zeit stammt auch ihr Poesiealbum. „Damals hatte jeder eins“, erinnert sie sich. Und sie wurden eifrig herumgegeben.

Bilder

Ägyptische Hieroglyphen

Was beim Blick ins gut gefüllte Album auffällt: Es gibt keine eingeklebten oder gemalten Bilder. „Das war nicht üblich“, erinnert sich Ursula Jacobs. Und doch fällt einem beim Blättern eine Seite ins Auge. Auf der sind über dem Spruch „Das Schwerste immer zuerst“ ägyptische Hieroglyphen geschrieben. Es ist die Eintragung von Lehrerin Gertrud Noack, die zuvor, wie Ursula Jacobs zu berichten weiß, Missionarin in Ägypten war, „und auch so aussah“, setzt sie schelmisch hinzu.

Vor den Lehrern durfte sich die Familie im Album verewigen, die mit Lebensweisheiten nicht sparte. Ihre Mutter wünschte ihr: „Dein Leben sei fröhlich und heiter, kein Leide betrübe dein Herz, das Glück sei stets dein Begleiter, nie treffe dich Kummer und Schmerz.“ Und ihre Cousine Henni gab ihr mit auf den Weg: „Den Rat will ich dir geben, er gilt für alle Zeit, vermeide stets im Leben Klatsch, Ärger, Zank und Streit.“ Ein wahrer Spruch, auch heute noch.

Auch ihre Schulkameraden hatten kluge Ratschläge. So schrieb zum Beispiel einer: „Wandle stets auf Rosen, auf einer grünen Au, bis einer kommt mit Hosen und holt dich ab zur Frau.“ Diesen Spruch findet Ursula Jacobs wunderschön, denn er erinnert sie an ihren Mann Fritz, der aus Letzlingen stammt und sie dorthin mitnahm. Seit 68 Jahren wohnt sie mittlerweile im Heidedorf.

Erinnerung an Konfirmandenzeit

Auch von Fritz Jacobs gibt es ein Büchlein, das mit „Erinnerungen“ überschrieben ist und aus dem Jahr 1941 stammt. In diesem finden sich meist fromme Sprüche, denn es sind Erinnerungen an seine Konfirmandenzeit. So hat sich vor den Mitkonfirmanden auf den ersten Seiten Superintendent Pauli mit dem Spruch „Hab immer etwas Gutes im Sinn“ von Matthias Claudius verewigt, während Lehrer Hermann Lücke schrieb: „Deutsch und gut.“

„Es waren andere Zeiten“, resümiert Ursula Jacobs, die auch in ihrem Büchlein Sprüche hat, die dem damaligen Zeitgeist entsprechen, heute nur Kopfschütteln verursachen. So hat sich eine Mitschülerin 1943 mit einem Spruch von Adolf Hitler verewigt, eine andere schrieb: „Sei mit Stolz ein deutsches Mädel, schlicht und ehrbar, treu und gut, treu im Dienste aller Menschen, trag im Herzen deutschen Mut.“