Gardelegen l „So viel Heimlichkeit, in der Weihnachtszeit“ – ja, daran kann sich Charlotte Friedrichs aus Gardelegen noch ganz genau erinnern. Und auch an die freudige Erwartung, wenn ab dem ersten Advent der Kranz mit seinen vier Kerzen und hölzernen Figuren die Stube in Gardelegen schmückte. Denn die 93-Jährige ist, wie sie mit einem Schmunzeln erzählt, ein „Gardelegener Urgestein, hier geboren und geblieben“. Ihren Lebensabend verbringt sie nun im Johanniterpflegeheim Rieseberg.

Der Vater war Maurer, die Mutter Rentnerin, sie selbst, 1926 geboren, die Älteste von vier Schwestern, was vor allem kleidungstechnisch zum Vorteil war, wie sie mit einem Lächeln zurückblickt. Da nicht viel Geld im Haus gewesen sei, wurden die Kleider, wie es so schön hieß, von den jüngeren Geschwistern aufgetragen und lagen, wieder ordentlich zurechtgemacht, so manches Mal mit unter dem Weihnachtsbaum. Sie als Älteste, die aus den Sachen herausgewachsen war, erhielt zumeist etwas Neues. Auch ihre Puppe, die zuvor verschwunden war, lag meist neu eingekleidet unter dem Weihnachtsbaum.

Bockwurst mit Brötchen

Bis zur Bescherung war allerdings Geduld gefragt. Und die gute Stube, in der der geputzte Baum gestanden habe und die Geschenke lagen, war abgeschlossen. Gegen Abend ging es zunächst in die Kirche, im Anschluss wurde gemeinsam zu Abend gegessen. Bockwurst mit Brötchen war das typische Gericht in ihrer Familie am Heiligabend, so die Gardelegenerin.

Dann endlich war es soweit. Und wenn sich die Stubentür öffnete, war die Begeisterung groß. „Wir haben uns über alles gefreut“, erinnert sich Charlotte Friedrichs – vor allem auch über den Baumbehang. Denn neben einigen Kerzen hing vieles zum Naschen wie Fondant und Nüsse daran. Schokolade gab es zu dieser Zeit noch nicht so. „Im Krieg war ich ja schon größer und freute mich über Unterwäsche“, entsinnt sich Charlotte Friedrichs an diese Zeit, „aber auch damals, haben wir, so gut es ging, Weihnachten gefeiert.“

Seine Kindheit verbrachte Willi Odewald, der vor seinem Einzug ins Gardelegener Rieseberghaus in Hottendorf lebte, in Calvörde. „Meine Eltern hatten dort einen Hof, bis ein großer Hagelschlag alles vernichtete und die Eltern später einen Hof in Hottendorf pachteten.“ Es seien schlechte Zeiten gewesen. „Es gab wenig“, blickt der 98-Jährige zurück. Deshalb haben er und seine sechs Geschwister sich zu Weihnachten über Kleidung und Holztiere gefreut. Natürlich sei man am Heiligabend auch in der Kirche gewesen, aber die Geschenke habe es erst am ersten Weihnachtsfeiertag morgens gegeben. Da hieß es also, noch eine Nacht in freudiger Erwartung und Neugier ausharren. „Das war in unserer Familie so üblich.“ Und auch wenn es nicht viel gab, so wurde zu Weihnachten doch versucht, etwas Besonderes auf den Tisch zu bringen. Da gehörte auch Stollen dazu.

Glöckchen riefen zur Bescherung

Das „Bimmeln“ der Glöckchen, die zur Bescherung in die Stube riefen, daran kann sich Brigitte Guba noch ganz genau erinnern. Sie hingen ganz oben am Weihnachtsbaum, der mit schönen Glaskugeln festlich geschmückt war.

Auch Lametta fehlte nicht, berichtet die Letzlingerin mit einem Schmunzeln, und das habe ihr Vater, der als Heilpraktiker arbeitete und viel unterwegs war, immer schön glatt gestrichen und einzeln an die Zweige gehängt. Für den festlichen Lichterglanz sorgten Wachs- und Wunderkerzen. Unter dem Baum stand zumeist ihr Puppenwagen, der frisch zurecht gemacht war, darin die neu eingekleidete Puppe. Auch Schokolade mit Streuseln fehlte nicht, worüber sich die drei Geschwister sehr freuten. In den Kriegsjahren gab es dann nur noch Zuckerkringel zum Naschen.

Parfümduft weckt Erinnerungen

Und nicht nur der Glöckchenklang weckt bei der 89-Jährigen die Erinnerung an die Weihnachtsfeste ihrer Kindheit, wie sie erzählt, sondern auch der Duft von Tosca. Dieses Parfüm legte immer ihre Mutter, die im Heidedorf einen Schuhladen betrieb, zur Feier des Tages auf.

Nicht der Weihnachtsmann, sondern das Christkind brachte Elisabeth Kramer in ihrer Kindheit die Geschenke. Sie wuchs in einem katholischen Dorf in Schlesien auf. Zum Heiligabend gab es Weißwurst, „die mochte ich als Kind nicht“, und Mohnsemmeln. „Ohne die war Weihnachten nicht denkbar“, erzählt die 85-Jährige. Es waren harte Zeiten. Der Vater war im Krieg, aber der Rest der Familie habe zusammen unterm Weihnachtsbaum gefeiert. Den Baum hat die Mutter geschmückt, die Kinder durften das nicht.

Den Weg dorthin wies Glitzerpuder, den das Christkind verloren hatte, als es die Geschenke brachte. Unter dem Baum lag dann meist Praktisches zum Anziehen wie Strümpfe, Mütze und Handschuhe und auch mal ein neues Kleid. Wenn es denn mal Malhefte oder Buntstifte gab, freuten sie und ihre Geschwister sich sehr.

Dennoch blieb ein Wunsch von Elisabeth Kramer immer unerfüllt: „Ich habe mir jedes Jahr Schlittschuhe gewünscht, aber die gab es in Kriegszeiten nicht. Wir hatten andere Sorgen.“ 1944 habe sie kurz vor dem Fest Verwandte in Breslau besucht, die ihr eine Krippe schenkten. Allerdings konnte sich die 85-Jährige nur ein Weihnachten daran erfreuen, denn vor dem folgenden wurde ihre Familie vertrieben. Diese Erinnerung lässt dann doch ihre Augen feucht werden.

Weihnachten mit der ganzen Familie

Die Familie strandete in Zienau – mit nichts. Dennoch wurde zum ersten Weihnachtsfest in der neuen Heimat ein Baum geputzt, mit selbst gebasteltem Schmuck und alten Kugeln, die die Familie von jemanden aus dem Dorf geschenkt bekam. Darunter lagen als Gaben vom Christkind Äpfel, Lebkuchen und eine Rolle Drops. „Es war sehr bescheiden“, so Elisabeth Kramer. Und dennoch war es ein wunderschönes Familienfest, denn der Vater war 1946 aus dem Krieg heimgekehrt und konnte dabei sein.